Stefan Krauter erschließt den Ersten und Zweiten Timotheusbrief und den Titusbrief als Texte, die im 2. Jahrhundert die Paulustradition sprachlich und inhaltlich innovativ fortführten und dadurch das Bild des Apostels Paulus und seiner Theologie über Jahrhunderte geprägt haben.
Dieser Kommentar bietet gegenüber dem Vorgängerband von Martin Dibelius und Hans Conzelmann eine völlig neue Auslegung des Ersten und Zweiten Timotheusbriefs sowie des Titusbriefs. In der aktuellen Forschung werden die Authentizität und die Zusammengehörigkeit der beiden Briefe an Timotheus und des Briefes an Titus kontrovers diskutiert. Stefan Krauter nimmt diese aktuellen Debatten kritisch auf und wägt die Positionen ab. Eine eindeutige Entscheidung ist auf Grundlage der verfügbaren Evidenz im Text und in externen Quellen nicht möglich, wohl aber ein Wahrscheinlichkeitsurteil: Die drei Briefe werden als bewusst gestaltete pseudepigraphische Briefsammlung gelesen, die im 2. Jahrhundert die bereits als Sammlung vorhandenen zehn anderen Paulusbriefe ergänzte. Der unbekannte Verfasser fasst die zentralen Ideen der früheren paulinischen Briefe prägnant zusammen. Er entwickelt ihre Themen sprachlich innovativ für seine Zeit weiter und bringt sie mit Motiven der Evangelientradition zusammen. So versucht er, die weitere Paulusrezeption zu lenken. Seine Texte sind keine Fälschung in dem Sinne, dass in konkreten Auseinandersetzungen des 2. Jahrhunderts eine Wortmeldung des Paulus fingiert würde. Vielmehr lassen sie das fiktive Bild des Apostels entstehen, der die christliche Gemeinschaft gegründet hat und sie mit Anweisungen an seine Mitarbeiter für die Zukunft prägt. Die Briefe werden in die Literatur und Kultur der kaiserzeitlichen Antike eingeordnet. Dabei liegt besonderes Gewicht auf ihrer philologischen sowie kultur- und religionsgeschichtlichen Erschließung.
Inhaltsübersicht:
I. Einleitung
1. Die Pastoralbriefe
2. Text und frühe Bezeugung
3. Authentizität
4. Die Pastoralbriefe als Paulustradition
5. Corpus pastorale
6. Fingierte Briefe oder fiktionales Briefbuch? Die Pseudepigraphie der Pastoralbriefe
7. Schlussfolgerungen für die Auslegung der Pastoralbriefe
8. Die theologische Bedeutung der Pastoralbriefe
Literaturverzeichnis
Abkürzungen
II. Der Erste Timotheusbrief - Einleitung
1. Die im Brief konstruierte Kommunikationssituation
2. Bezüge zu Paulustraditionen
3. Abfassungssituation, Abfassungszeit, Abfassungsort
4. Gliederungsübersicht
III. Der Erste Timotheusbrief - Kommentar
Präskript (1Tim 1,1f)
Der grundlegende Auftrag an Timotheus (1Tim 1,3-20)
Anweisungen für die Organisation der Gemeinschaft der Christusgläubigen (1Tim 2,1-3,15)
Wahrheit und Verirrung, richtiges und falsches Training (1Tim 3,16-4,10)
Timotheus im Gegenüber zu Personen von verschiedenem sozialem Status (1Tim 4,11-6,2a)
Der grundlegende Auftrag an Timotheus (1Tim 6,2b-21a)
Postskript (1Tim 6,21b)
IV. Der Zweite Timotheusbrief - Einleitung
1. Die im Brief konstruierte Kommunikationssituation
2. Bezüge zur Paulustradition
3. Abfassungssituation
4. Datierung
5. Gliederungsübersicht
V. Der Zweite Timotheusbrief - Kommentar
Präskript (2Tim 1,1f)
Briefcorpuseröffnung (2Tim 1,3-5)
Ermahnung I: Aufforderung zur Treue (2Tim 1,6-2,13)
Ermahnung II: Warnung vor Streit (2Tim 2,14-26)
Ermahnung III: Warnung vor falschen Lehrern (2Tim 3,1-17)
Beauftragung des Timotheus (2Tim 4,1-8)
Briefcorpusschluss (2Tim 4,9-21)
Postskript (2Tim 4,22)
VI. Der Titusbrief - Einleitung
1. Die im Brief konstruierte Kommunikationssituation
2. Bezüge zur Paulustradition
3. Abfassungssituation, Abfassungszeit und Abfassungsort
4. Gliederungsübersicht
VII. Der Titusbrief - Kommentar
Präskript (Tit 1,1-4)
Briefcorpuseröffnung: Der Auftrag des Titus (Tit 1,5)
Anforderungen an Funktionsträger (Tit 1,6-9)
Polemik gegen konkurrierende Lehrer (Tit 1,10-16)
Darstellung der eigenen Lehre I (Tit 2,1-15)
Darstellung der eigenen Lehre II (Tit 3,1-8)
Polemik und Anweisungen zum Umgang mit konkurrierenden Lehrern (Tit 3,9-11)
Briefcorpusschluss: Aufträge, Reisepläne und Grüße (Tit 3,12-15a)
Postskript (Tit 3,15b)