Rahel Fuchs untersucht generationsübergreifende Haftung im Alten Testament. Sie zeigt, dass Kollektiv- und Individualhaftungstexte keinen unauflösbaren Widerspruch bilden, sondern gemeinsam ein komplexes Bild zeichnen. Ein Vergleich mit ca. 160 altorientalischen Textpassagen beleuchtet Spezifika der alttestamentlichen Überlieferung.
Im Alten Testament begegnen unterschiedliche Texte zur Frage nach generationsübergreifender Haftung. Einige scheinen Kollektivhaftung vorauszusetzen, andere lehnen diese ab und fordern Individualhaftung. Diese Beobachtung lässt fragen, wie sich die Konzepte, Texte und jeweiligen Gottesbilder zueinander verhalten. Rahel Fuchs widmet sich diesem Problemfeld und geht dem nach, was die bisherige Forschung „Familien- oder Sippenhaftung» nannte. Damit schließt sie eine Lücke in der Forschung, denn bislang kam dem Thema in seiner Komplexität nur wenig Aufmerksamkeit zu, wurde auf einzelne Texte beschränkt (v. a. Ez 18) oder auf die Haftung politischer Verbände konzentriert. Es werden zunächst drei Forschungsgeschichten rekapituliert, Erkenntnisse und offene Fragen festgehalten: die Forschungsgeschichte zum Tun-Ergehen-Zusammenhang, der als Struktur hinter den Texten zutage tritt, die zur Frage nach dem Verhältnis von Individuum und Kollektiv und die zu Kollektivschuld und -haftung. Nach einer kriteriengeleiteten Textauswahl und einer Definition der Kernbegriffe („Schuld«, „Haftung», „Generation«, „individuelles und kollektives Denken») stehen im Hauptteil der Arbeit die zentralen Texte im Zentrum: Ex 20,5-6; Dtn 5,9-10; Ex 34,6-7; Num 14 und Jer 32,16-25 auf der Seite der sogenannten Kollektivhaftungstexte sowie Ez 18; Jer 31,29-30; Dtn 24,16 und Klgl 5 auf der Seite der Individualhaftungstexte. Mithilfe der Kontextanalyse, der Literarkritik und Redaktionsgeschichte, der Untersuchung der sprachlichen Strukturen und des Vergleichs mit Parallelen wird das Profil der Texte herausgearbeitet. Am Ende der Untersuchungen wird jeweils das „Bild von Schuld und Haftung« im Text gezeichnet (auf Endtextebene, im Entstehungsprozess des Textes, im Vergleich mit Parallelen). Da der Vergleich der Texte mitunter eine starke Ähnlichkeit zwischen wichtigen Formulierungen zeigt, werden mögliche Abhängigkeitsverhältnisse geprüft und Geber- und Nehmertext identifiziert. Nach der Untersuchung der Texte kann das von der Forschung empfundene Gegeneinander der Textgruppen aufgelöst werden. Kollektiv- und Individualhaftungstexte stehen sich nicht unvereinbar gegenüber, sondern zeichnen zusammen und jeweils auf eigene Weise das Bild generationsübergreifender Haftung im Alten Testament. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Verb פקד (pqd), das klassisch mit „heimsuchen» wiedergegeben wird. Eine Untersuchung der Bedeutungsspektren, der häufigsten Verwendung sowie der Kontexte, in denen das Verb hier begegnet, legt indes eine Übersetzung mit „prüfen« nahe. Die Anpassung der Übersetzung hat Konsequenzen für die Interpretation der Formulierungen. In einem weiteren Teil der Arbeit wird der Blick über das Alte Testament hinaus auf altorientalische Texte gerichtet. Dafür wird eine Sammlung von ca. 160 Textpassagen zum Thema vorgestellt, ausgewertet und der alttestamentlichen Überlieferung gegenübergestellt. Es zeigt sich u.a., dass die Rolle, die in altorientalischen Texten dem König zukommt, in alttestamentlichen Texten Gott einnimmt. Sowohl in alttestamentlichen als auch in altorientalischen Texten lässt sich keine Korrespondenz zwischen einer Haftungsform und einem zweiten Aspekt (Zeit, Delikt, politischer Kontext, Gattung, geistesgeschichtlicher Hintergrund) ausmachen. Im Alten Testament zeigt sich, dass einige Texte mit dem Ringen um Kollektiv- und Individualhaftung die Exilserfahrung Israels verarbeiten.
Inhaltsübersicht:
Vorwort
I Bisherige Forschung und Ziel der Arbeit
1. Hinführung zum Thema, Aufgabe und Vorgehen
1.1. Fragestellung und Ziel
1.2. Vorgehen
2. Bisherige Forschung
2.1. Die Struktur des Tun-Ergehen-Zusammenhangs
2.2. Kollektives vs. individuelles Denken?
2.3. Kollektivschuld und/oder -haftung?
3. Textauswahl und Methode
3.1. Textauswahl
3.2. Methodik
4. Begriffsbestimmungen
4.1. Schuldbegriff(e) im Deutschen und Hebräischen
4.2. Individuelles und kollektives Denken, Schuld und/oder Haftung?
4.3. Generationenbegriff(e) und „die Väter»
4.4. Das zentrale Verb פקד
4.5. Exkurs: Die Einordnung der Talion
II Die Stimme zentraler alttestamentlicher Texte. Analysen
5. Einführung
6. Die sog. Kollektivhaftung
6.1. Die Textfamilie und ihre Fragen
6.2. Num 14: Ringen um den Fortbestand Israels
6.3. Ex 34,6-7: Auftakt zur Erneuerung des gebrochenen Bundes
6.4. Ex 20,5-6 und Dtn 5,9-10: ,, ... denn ich bin ein eifersüchtiger Gott ... «
6.5. Jer 32: Das Gebet Jeremias nach dem Ackerkauf
6.6. Resümee
7. Die Individualhaftung
7.1. Die Textfamilie um Ez 18, Jer 31 und Dtn 24
7.2. Klgl 5: Klage und Bekenntnis angesichts begangener Sünden?
7.3. Resümee
8. Generationsübergreifende Haftung im Alten Testament
III Der Blick in den Alten Orient. Komparation
9. Besonderheiten der altorientalischen Textsammlung
9 .1. Einführung
9.2. Quellenvielfalt und Eingrenzung der Textauswahl
9.3. Das Problem der Systematisierung
10. Der Befund
10.1. Individualhaftung
10.2. Kollektivhaftung
10.3. Zusammenfassung zum Befund
11. Besonderheiten des altorientalischen Befundes
11.1. Vergleich äußerer Aspekte
11.2. Vergleich innerer Aspekte
11.3. Ausblick
IV Generationsübergreifende Haftung im Alten Testament
Synthese