Obwohl das Johannesevangelium zu den Texten gehört, die die abendländische Kultur mit am stärksten geprägt haben, ist seine Rezeption im Mittelalter bislang kaum erforscht. Die Beitragenden schließen diese Forschungslücke, in dem sie die mittelalterliche Rezeption des Evangeliums und seines Autors gattungsübergreifend und intermedial erörtern.
Das Johannesevangelium zählt zu den einflussreichsten Texten der abendländischen Geistesgeschichte. Seine theologische und kulturelle Wirkung prägte Kunst, Literatur und Philosophie über Jahrhunderte hinweg - doch gerade die mittelalterliche Rezeption blieb bislang vergleichsweise unerforscht. Der Band vereint Beiträge aus Bibelwissenschaft, Kirchengeschichte, Latinistik, Mediävistik, Philosophie und Kunstgeschichte, um diese Forschungslücke zu schließen. Nach einem einführenden Überblick werden zentrale Formen der Johannesrezeption in lateinischer und altdeutscher Bibeldichtung, in Paraphrasen und legendarischen Traditionen, in der Mystik und in der Philosophie untersucht. Auch liturgische und dramatische Kontexte - etwa die Gestalt des Johannes im Passionsspiel - werden einbezogen. Kunsthistorische Beiträge widmen sich der Buchkunst, Patrozinien und dem Pilgerwesen und zeigen die weitreichende Verehrung des Evangelisten. Hervorzuheben ist zudem die Erstedition eines bisher weithin unbekannten lateinischen Johanneskommentars, der neue Einblicke in mittelalterliche Exegese ermöglicht. Damit bietet der Band einen interdisziplinären Zugang zur mittelalterlichen Wirkungsgeschichte des Johannesevangeliums und zu seiner zentralen Bedeutung im kulturellen Gedächtnis Europas.
Inhaltsübersicht:
Jörg Frey: Die Rezeption des Johannesevangeliums im Mittelalter und die Mythisierung und Divinisierung des Apostels Johannes. Zur Einführung in den Band -
Carmen Cardelle de Hartmann: Colligite fragmenta: Bedeutungserweiternde Rezeption eines johanneischen Motivs -
Ulrich Eigler: „Quod scripsi scripsi" - wer schreibt hier? Rezeptionsgeschichtliche Reflexionen eines Literaturwissenschaftlers -
Hedwig Schmalzgruber: Zur Rezeption des Johannesevangeliums im lateinischen Bibelepos: Die Hochzeit zu Kana nach Juvencus -
Carola Jäggi: Johannes als Kirchenpatron: Die Johannes-Basilika in Ephesos und S. Giovanni Evangelista in Ravenna -
Christina Hoegen-Rohls: Die Rezeption des Johannesevangeliums im
Liber evangeliorum Otfrids von Weißenburg (9. Jh.) -
Lukas J. Dorfbauer: Der Johannes-Kommentar des „Irischen Bibelwerks". Studie und Edition -
Harald Buchinger: Die Mutter Jesu und der Lieblingsjünger unter dem Kreuz und die Magdalena am Grab: Johanneisches in dramatischen Elementen der mittelalterlichen Osterliturgie -
Kristina Domanski: Textliche und bildliche Narrative zum Johannesevangelium in
Vita Christi-Paraphrasen -
Barbara Fleith: Spuren des Johannesevangeliums in der
Legenda Aurea des Jacobus de Voragine: Zitate, Anspielungen, Figuren, Geschehnisse -
David Ganz: Szenarien des Anfangs: Das präexistente Wort des Johannes-Prologs in der mittelalterlichen Buchkunst -
Greti Dinkova-Bruun: The Gospel of John in Latin Biblical Versifications from the Later Middle Ages -
Volker Leppin: Und das Wort ward Fleisch: Geist und Körperlichkeit bei mittelalterlichen Mystikerinnen -
Julie Casteigt: „[...] damit sie eins sind wie wir" (Joh 17,11): Die johanneische Einheit nach Meister Eckhart -
Regina Toepfer: Klage und Trost des Johannes: Strategien der Rezeptionslenkung im Passionsspiel vor und nach der Reformation -
Tobias Jammerthal: Glauben und Essen: Aspekte der Auslegung und Rezeption von Joh 6 in Abendmahlsdiskursen des späten Mittelalters und der Reformation