Über uns

Mohr Siebeck – Bücher für die Wissenschaft

Mohr Siebeck ist ein unabhängiger Verlag im Familienbesitz. Seit der Gründung im Jahr 1801 sind nachhaltige Veröffentlichungen für die Geisteswissenschaften unser Programm.

Kolumnen aus dem Mohr Kurier

Während viele Verlage Dienstleister mit dem Vertrieb digitaler Inhalte an Bibliotheken und andere institutionelle Kunden beauftragen, hat sich unser Verlag im Frühjahr 2016 entschieden, diese Aufgabe in eigene Regie zu nehmen. Denn wir sind überzeugt, daß wir besser auf die Wünsche und Bedürfnisse unserer Kunden eingehen können, wenn wir bei der digitalen Auslieferung selbst mit ihnen in Kontakt stehen.

Mit der neuen eLibrary ist das Ergebnis unserer Überlegungen und Arbeiten nun online gegangen. Eine Besonderheit unseres Angebots besteht darin, daß die eLibrary komplett in unsere Verlagswebsite unter der Adresse www.mohrsiebeck.com integriert wurde. Unsere Kunden und Leser finden also unter einer Adresse im Internet sowohl Zugang zur Verlagswebsite als auch zur neuen eLibrary – eine Lösung, die ein komplexes Zusammenspiel von verschiedenen technischen Systemen wie Online-Shop, Redaktionssystem der Verlagshomepage, Online-Bibliothek zur Nutzung der digitalen Inhalte, Newsletter und anderen Systemen nötig macht. Diese Komplexität ist auch der Grund dafür, warum wir beim Start der neuen Website Anlaufschwierigkeiten hatten. Wir bitten alle Kunden um Nachsicht für die Beeinträchtigungen. Mittlerweile haben wir die Mängel beheben können. Falls es weitere Schwierigkeiten geben sollte, sind wir für entsprechende Hinweise dankbar (support@mohrsiebeck.com).

Für die Geisteswissenschaften, wie wir sie verlegen, ihre Inhalte und ihre Kommunikation, zeichnet sich immer stärker eine Tendenz ab, die die Entwicklung in der nächsten Zeit exponentiell zunehmend bestimmen wird: Quod non est in Internet, non est in mundo academico. Der eine oder die andere unter unseren Autoren und Herausgebern wird diese Entwicklung, wie ich selbst auch, als ambivalent beurteilen, weil sich wie bei jedem Fortschritt Gewinne und Verluste gegenüberstehen. Als Verlag jedoch versuchen wir, die Potentiale und Möglichkeiten, die sich damit verbinden, im Sinne unserer Aufgaben als Dienstleister für die Wissenschaft zu nutzen. Daher freuen wir uns darauf, im Rahmen der eLibrary neue Angebote wie z. B. zu digitalen Buchpaketen machen zu können, von denen wir hoffen, daß sie das Interesse unserer Kunden und Leser weltweit finden.

Neben tolle, lege lautet unsere Einladung nun also auch: log in and read.

 

Henning Ziebritzki
Geschäftsführer


[ Veröffentlicht in der Vorschau 3/2018 ]

Wir legen traditionell großen Wert auf die Lesbarkeit und Nutzbarkeit unserer Bücher und Zeitschriften. Daher ist eine hochwertige Ausstattung der Bücher wichtig: ansprechender Satz, alterungsbeständiges Papier von großer Qualität, Offsetdruck von echten Auflagen und eine haltbare Bindung, in der Regel Fadenheftung. Die Grundlage einer guten Buchausstattung bildet die Typographie.

Es hat in unserem Verlag daher immer eine wichtige Rolle gespielt, welche Schriftart für welches Buch gewählt wird und wie verschiedene Schriftarten kombiniert werden. Denn je nach Zweck können verschiedene Schriften wie Minion, Bembo, Garamond, Times Antiqua oder Rotation, mit je unterschiedlicher Größe, Laufweite oder Strichstärke, für die augenfreundliche Lektüre eines Buches sinnvoll sein; und um die Makrostruktur eines größeren Werkes hervorzuheben, kann es geboten sein, für Kolumentitel oder Überschriften ergänzend eine moderne, serifenlose Schrift zu wählen. Dazu kommen Auszeichnungen von bestimmten Wortgruppen durch Kursivierung, in Kapitälchen oder halbfette Hervorhebung wie im Fall der Anmerkungsziffern in der Max Weber-Gesamtausgabe. Neben der Typographie sind es die texterschließenden Merkmale, die die zweckgerichtete Lektüre, also die Nutzbarkeit, eines wissenschaftlichen Buches eminent leiten: Überschriften wie Haupttitel, Zwischenüberschriften und Kolumnentitel, Anmerkungen in Form von Fuß‑ oder Endnoten sowie Verzeichnisse der Literatur und der Abbildungen und schließlich insbesondere die klassischen Register von Sachen, Entscheidungen, Quellen und Autoren.

Beim Lesen eines Druckwerks wird das Licht auf der Buchseite reflektiert. Auf den Bildschirm wird es gleichsam aus der Tiefe gesendet, so daß das Auge nicht nur auf die Schrift, sondern auch ins Licht schaut. Mittels neuester Bildschirmtechnologien ist es möglich, das Licht sehr gleichmäßig und ruhig auf den Bildschirm zu senden. Das ist die Voraussetzung dafür, daß die Anforderungen an die Typographie und damit an eine augenfreundliche Lesbarkeit der betreffenden Seiten auf dem Bildschirm ihre Gültigkeit behalten. Was nun die Nutzungsmöglichkeiten einer wissenschaftlichen Publikation betrifft, so werden diese exponentiell vervielfacht, wenn das Werk digital zugänglich gemacht wird. Um das zu gewährleisten, müssen zwei grundlegende Aufgaben gestaltet werden.

Zum einen muß das Werk in einem Rahmen erscheinen, der eine intuitive Navigation auf der betreffenden Seite erlaubt und Funktionen wie das Kopieren von Textteilen oder einen Ausdruck in Sekundenbruchteilen möglich macht. Können diese Probleme noch relativ leicht von Technikern und ­Designern gelöst werden, stellt es sich als eine sehr viel komplexere Aufgabe dar, das Werk, bzw. dessen Daten, in der digitalen Ausgabe zu erschließen. Denn dafür müssen sie strukturiert werden. Und diese Strukturierung setzt wiederum zweierlei voraus, was nur von jemandem ­geleistet werden kann, der basale wissenschaftliche Kenntnisse in dem Fach hat, aus dem die Publikation stammt: Er muß den Text verstehen, und er muß wissen, welche Fragestellungen für die Erschließung eben dieses Textes leitend und sinnvoll sind.

Sind beide Voraussetzungen erfüllt, kann es in Zusammenarbeit von Wissenschaftlern und Technikern gelingen, eine Datenbank zu erstellen, die Nutzungsmöglichkeiten bietet, die gegenüber dem Buch einen bedeutenden Mehrwert darstellen. Denn in einer Datenbank ist der entscheidende Vorteil die interne und externe Verlinkung auf andere Websites – sie bildet jedoch keine andere Nutzung ab, als die, die ein potentieller, idealer Leser im Kopf ohnehin leisten möchte und für deren Ergebnis er einen unverhältnismäßig größeren Aufwand durch Lektüre und Vergleich betreiben müßte.

Wenn anzunehmen ist, daß sehr viele Nutzer dasselbe Interesse haben, also eine bestimmte Verbindung, etwa zwischen Kommentar und Quellentext, von vielen gewünscht wird, kann dieser Fall in Form einer Programmierung als Lösung auf Dauer gestellt werden, indem ein Link gesetzt wird. Diesen Service, den eine Datenbank bietet, technisch einzurichten, ist trotz aller Automatisierung sehr aufwendig – und das wiederum ist der Grund dafür, daß die Preise für Datenbanken sich in anderen Dimensionen bewegen als die für Bücher.

Digitales Publizieren für die Wissenschaft setzt damit grundsätzlich fort, was das gedruckte Werk seit Jahrhunderten leistet. Da Daten prekärer, flüchtiger und in der Speicherung ungleich teurer sind als Druckwerke, bleibt freilich erst noch abzuwarten, welches Medium die bessere Zukunft hat. In jedem Fall gilt, daß der wissenschaftliche Inhalt augenfreundlich gestaltet und zweckmäßig erschlossen werden muß.

Henning Ziebritzki
Geschäftsführer


[ Veröffentlicht in der Vorschau 2/2018 ]

Wissenschaftliche Bücher brauchen Zeit. Sie werden nicht schnell geschrieben, sondern sind das Ergebnis langjähriger Überlegungen und Konzeptionen, ausführlicher Lektüren, Recherchearbeiten, die zum Teil in Archiven stattfinden, und Vorarbeiten in Form von Aufsätzen oder Vorträgen. Oft ermöglichen erst Stipendien oder der Aufenthalt in der geistesfreundlichen Atmosphäre eines Forschungsinstituts den Abschluß solcher Werke. Das gilt insbesondere für große Formate wie Monographien, Biographien, Editionen, Übersetzungen oder Kommentare. Aber auch für Werkbeiträge zu Handbüchern und Sammelbänden muß den Autorinnen und Autoren hinreichend Zeit eingeräumt werden, in der Regel ein Jahr. Wenn unser Verlag daher mit Herausgeberinnen und Herausgebern größere Vorhaben bespricht, gemeinsam plant und vertraglich vereinbart, stellen wir uns auf die eminente Langfristigkeit der Entstehung von wissenschaftlichen Werken ein.

Manuskripte, die uns aktuell angeboten werden, vor allem akademische Qualfikationsschriften und Tagungsbände, publizieren wir so schnell wie möglich, weil das nicht zuletzt im Interesse der Autoren und ihrer akademischen Karriere ist. Aber es kann auch bei solchen Manuskriptangeboten vorkommen, daß zwischen der ersten Kontaktaufnahme und dem Abgabetermin eine Frist von mehreren Jahren liegt.

Bücher, die wir 2018 publizieren werden, verdanken sich daher zu einem beträchtlichen Teil der Vorarbeit von Jahren, in einigen Fällen von Jahrzehnten. Und zahlreiche Werke, die wir in diesem Jahr mit unseren Herausgebern und Autoren planen, werden erst in einigen Jahren erscheinen. Zudem wissen wir noch nicht, welche Manuskripte uns in nächster Zeit unvermutet angeboten werden – wir werden es aber sicher wieder schaffen, im Herbst ein Buch zu publizieren, das wir im Frühjahr angenommen haben.

Diese Aufgabe der zeitlichen Planung des Buchprogramms wird dadurch noch komplexer, daß Manuskripte oft nicht zum vereinbarten Zeitpunkt abgegeben werden – weil sich die Durchführung des Unternehmens aus sachlichen Gründen als schwieriger als vorhergesehen herausgestellt hat; weil ein wissenschaftlicher Autor natürlich in hohem Maße auch den akuten Anforderungen des universitären Alltags und des Wissenschaftsbetriebs Genüge tun muß; oder weil sich aufgrund neuer Forschungen des Autors der Fokus seines Interesses auf andere Gegenstände und Themen verschoben hat. Wenn der Verfasser nur für das eigene Buch verantwortlich ist, betrifft die verzögerte Manuskriptabgabe allenfalls die Jahresplanung des Verlages. Bei Mehrautorenwerken wie Großkommentaren, Handbüchern oder auch Sammelbänden stellt sich die Situation insofern problematischer dar, als der langsamste Autor das Tempo des gesamten Unternehmens bestimmt – eine heikle Situation, die potentiell konfliktträchtig ist. Im ungünstigsten Fall liefert ein Autor so spät, daß seine Kollegen, die pünktlich abgegeben haben, ihre Beiträge aktualisieren müssen. Auch das ist jedoch kein unlösbares Problem, wenn allen Beteiligten das Erscheinen des Werkes am Herzen liegt – oder der Herausgeber um ein diplomatisches Machtwort nicht verlegen ist.

Für die Mitarbeiter im Mohr Siebeck Verlag ergeben sich daraus verschiedene elementare Anforderungen. Wir müssen, was am wichtigsten ist, den Autoren und Autorinnen die Treue halten und eventuelle Verzögerungen mit Langmut und Verständnis begleiten. In der weit überwiegenden Zahl aller Fälle ist es der Autor selbst, dem der Abschluß des Werkes und seine Publikation ein existentielles Anliegen ist. Wer für das betreffende Programm verantwortlich ist, muß daher Fingerspitzengefühl und Takt haben und wissen, wann und wie sie oder er versuchen sollte, steuernd in den Prozeß der Entstehung eines Werkes einzugreifen. Geboten ist das im Interesse aller dann, wenn das Erscheinen eines größeren Werkes mehrerer Autoren auf dem Spiel steht. Aber auch hier gilt der Grundsatz, daß auf den letzten Autor gewartet wird. Wissenschaftliche Bücher haben jedenfalls ihre Eigenzeit – und wirtschaftlich erfolgreich kann ein Wissenschaftsverlag daher nur sein, wenn seinen Programmleitern eine beständige Vorratshaltung von Projekten gelingt.

Sobald ein Manuskript schließlich satzreif oder druckfertig vorliegt, beginnt eine andere Zeitrechnung, ändern sich Perspektiven und Geschwindigkeit blitzartig. Autor, Programmleiter und Hersteller haben dann das gemeinsame Interesse, daß das Werk so zügig wie möglich hergestellt wird und erscheinen kann – und wir setzen gerne alles daran, diese Dienstleistung für unsere Herausgeber und Autoren immer wieder aufs Neue zu erbringen.

Henning Ziebritzki
Geschäftsführer

[ Veröffentlicht in der Vorschau 1/2018 ]

Zu meinem Abschied nach 35 Jahren im Verlag erreichten mich zahlreiche und überaus freundliche Worte. Es ist mir ein Bedürfnis, das Wasser, das dabei auf meine Mühle geleitet wurde, zu einem Gutteil auf andere Mühlen weiterzuleiten. Ich möchte mich deshalb in erster Linie bedanken, und zwar bei denen, ohne die es diese lange Tätigkeit im Verlag nicht gegeben hätte.
Hier ist zunächst Georg Siebeck zu nennen. Er holte mich 1982 als Schriftleiter der Juristenzeitung in den Verlag. Das rechtswissenschaftliche Buchprogramm wurde damals noch von den jeweiligen Schriftleitern der Juristenzeitung mitbetreut. Nachdem die Anzahl der juristischen Titel stieg und ein Lektorat neben der Redaktion der Juristenzeitung nicht mehr möglich war, wurde das erste eigenständige Lektorat des Verlags ins Leben gerufen: 1990 betraute mich Georg Siebeck als »Cheflektor Jura« mit der Aufgabe, das juristische Verlagsprogramm eigenständig zu betreuen und weiter auszubauen. Gleichzeitig bestellte er mich zum Prokuristen; 2005, nach der rechtlichen Umstrukturierung des Verlags, dann zum Mitgeschäftsführer. Die Anreize, eine so lange Zeit in ein und demselben Unternehmen zu arbeiten, waren die mir eingeräumte Freiheit und die damit einhergehende Verantwortlichkeit.
Sehr herzlich danken möchte ich auch Henning Ziebritzki, meinem Geschäftsführerkollegen und dem Cheflektor Theologie und Judaistik. Er hat mich nicht nur mit seinen so freundlichen Worten in der Kolumne der letzten Vorschau (übergebührend) bedacht. Wir hatten in den letzten drei Jahren, in denen wir den Verlag alleine führten, eine überaus intensive und nachhaltige Zusammenarbeit. Ich bin sehr froh und dankbar dafür, dass wir den Verlag in dieser Zeit auf einem guten Kurs gehalten und wichtige Weichen für die Zukunft gestellt haben, so dass der Verlag auch weiterhin – und nach meinem Abschied nun unter seiner alleinigen Geschäftsführung – auf wirtschaftlich solider Basis agieren kann.
In meinen Dank einschließen möchte ich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Verlag. Was nutzt die Pflege und der Ausbau des Verlagsprogramms, wenn unsere Hersteller (in der Mehrzahl »-innen«) nicht dafür sorgen, dass auch die äußere Ausstattung der Bücher der inhaltlichen Güte entspricht, wenn Neuerscheinungen nicht sachgerecht beworben und nicht richtig vertrieben werden, wenn Bestellungen nicht richtig angenommen werden und Bücher nicht an die richtige Adresse kommen, wenn der interne und externe Datenverkehr nicht reibungslos funktioniert und wenn Rechnungen nicht ordnungsgemäß ausgestellt und nicht richtig verbucht werden? Nichts oder nicht viel jedenfalls! Ich möchte an dieser Stelle deshalb auch die ausgesprochen gute Arbeitsatmosphäre im Verlag zum Ausdruck bringen, denn darin lag für mich ein weiterer Grund, an Ort und Stelle geblieben zu sein.
Aber was wäre, und damit komme ich zum dritten Faktor, der Verlag ohne seine Autorinnen und Autoren, ohne seine Herausgeberinnen und Herausgeber. Natürlich ist ein Verlag nicht ganz unwichtig, weil er – neben der späteren handwerklichen Herstellung, der Werbung und den Vertrieb – vorher eine Auswahlentscheidung trifft, und natürlich ist diese Entscheidung von Belang für die Autoren und auch von Bedeutung dafür, wie der Verlag wahrgenommen wird oder wie er wahrgenommen werden möchte. Doch bei aller Selbstachtung: Wir sind nicht die Quelle, die den Fluss der Wissenschaft speist, stellen vielmehr nur die Schiffe bereit, mit denen die wissenschaftlichen Güter transportiert werden. Und damit verblasst die Verlagstätigkeit doch deutlich hinter dem Inhalt der Bücher: Die Autoren und Herausgeber leisten die eigentliche, die wichtigste Arbeit, sie bringen mit ihren Texten das Verlagsprogramm zum Glänzen und lassen uns teilhaben an ihrem Renommee.
Dass sich bei mir nach 35 Jahren ein Gefühl einer letztlich geglückten Berufstätigkeit einstellt, ist zu einem Großteil dem Kontakt mit den Autoren unseres ­Verlags zu verdanken, die alle etwas zu sagen hatten, mich bereicherten – vielfach ohne es zu merken – und mich (auch wenn es banal klingt) durchwegs sehr freundlich behandelten. Und so bleibt mir neben dem Dank an unsere Autoren zum Schluss nur die Bitte an sie, dass sie das Vertrauen, das sie mir entgegengebracht haben, auch weiterhin und in gleicher Weise dem Verlag, und das heißt seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, entgegenbringen.

Franz-Peter Gillig
Geschäftsführer und Cheflektor Rechtswissenschaft

 

[ Veröffentlicht in der Vorschau 3/2017 ]

Zwischen Institutionen oder Betrieben und den Personen, die in ihnen und für sie handeln, besteht ein Wechselspiel. Einerseits wird jede Organisation versuchen, sich so zu ordnen, daß ihre Fähigkeit zu funktionieren nicht von einzelnen Personen abhängig wird. Andererseits ist es erst die konkrete Person, die ihr ein Gesicht gibt. Denn die Fähigkeiten und Kenntnisse des einzelnen Menschen, seine Tugenden und Charaktereigenschaften prägen die Organisation, in der er arbeitet. Das gilt umso mehr, je höher die Position ist und je stärker bestimmte Eigenheiten in einem Menschen ausgeprägt sind. Wenn das über einen längeren Zeitraum zum Wohle des größeren Ganzen geschieht, kann man davon sprechen, daß ein einzelner einer Institution oder einem Betrieb seinen Stempel aufdrückt, im besten Fall, daß er eine Ära prägt.

In Dr. Franz-Peter Gillig einen solchen Mitarbeiter gefunden zu haben, der für den Verlag eine Schlüsselfigur geworden ist, das war für den Verleger Dr. Georg Siebeck, wie er mehrfach betont hat, ein Glücksfall. Franz-Peter Gillig ist am 1. September 1982 in den Verlag eingetreten und übernahm zunächst die Redaktion der JuristenZeitung. Am 1. Juli 1990 wurde er als Cheflektor Jura mit Einzelprokura für das gesamte juristische Programm zuständig. Schließlich ist Dr. Gillig am 15. September 2005 zum Geschäftsführer bestellt worden. Als Programmverantwortlicher hat er – um Beispiele zu nennen, die das, was nicht genannt wird, nicht ausschließen wollen – nicht nur zahlreiche Schriftenreihen wie Jus Publicum, Jus Privatum und Jus Poenale begründet; er hat auch Großkommentare wie die zum Grundgesetz, zum BGB, zur ZPO oder zuletzt zum Europarecht initiiert oder mitgestaltet. Weil er der erste Fachlektor im zuvor vom Verleger allein geführten Verlag wurde, ist seine Arbeit in dieser Position zudem Muster für die Schaffung der weiteren, heute bestehenden Lektorate und Orientierung für deren Inhaber gewesen. Ist er aufgrund seiner Verantwortung für den größten Programmbereich und seiner juristischen Kenntnisse ohnehin die rechte Hand des Verlegers geworden, so ist Dr. Gillig mit der Bestellung zum Geschäftsführer auch förmlich in die Position gekommen, die Geschicke des gesamten Verlages mitzubestimmen.

Die Tätigkeit von Dr. Gillig umfaßt die Zeit vom Ende der alten Bundesrepublik bis zur Gegenwart, in der sich der Umbau zu einem spezialisierten Verlag vollzogen hat, der sich konsequent als Dienstleister der von uns verlegten Wissenschaften versteht. Es ist nicht nur das juristische Programm, das seine Handschrift trägt, die Vielfalt seiner Kontakte spiegelt und sein hohes Qualitätsbewußtsein zeigt – weil dieser Programmbereich der größte ist und weil Dr. Gillig in seiner Doppelfunktion bei allen Überlegungen und Entscheidungen immer auch das Wohl des ganzen Verlages im Blick gehabt hat, kann seine Wirkung auf die Entwicklung, die der Verlag in der Zeit seiner Tätigkeit genommen hat, kaum überschätzt werden. Dazu gehören die konsequente Ausrichtung des Programmes an der Auffächerung der Wissenschaften und die Erweiterung um Bereiche wie die Geschichtswissenschaft ebenso wie die interne Ausdifferenzierung der Verlagsarbeit in verschiedene Aufgaben und Zuständigkeiten von Fachlektoren und anderen Spezialisten sowie die Umstellung auf neue digitale Abläufe, die derzeit in allen Abteilungen geleistet wird.

Ich arbeite mit Dr. Gillig überaus gern zusammen und kann mir keinen besseren Kollegen vorstellen. Dabei habe ich oft an die Beobachtung denken müssen, die Ernst Jünger in Subtile Jagden (1967) formuliert hat: »Den großen Herrn erkennt man weniger daran, daß er mehr Raum, als daran, daß er mehr Zeit hat als andere.« Dr. Gillig hat zwar nicht das größte Zimmer im Verlag, er würde aber abstreiten, daß er mehr Zeit hat als andere. Genau darin besteht jedoch seine Lebenskunst: dem anderen den Eindruck zu geben, daß er Zeit für ihn hat und daß es jetzt um das Problem und um die Fragen geht, die sich aktuell stellen. Es hat mich immer wieder überrascht zu sehen, wie kenntnisreich und genau in der Sache und wie individuell zugewandt Dr. Gillig seinem Gegenüber begegnet, sei es im Verlag oder im Gespräch mit Kollegen aus anderen Häusern, mit Dienstleistern, mit Kunden sowie mit Autoren und Herausgebern. Daher liegt hier der schöne Fall vor, daß eine berufliche Lebensleistung sich als nichts anderes darstellt als die Summe der unzähligen konkreten Gespräche und der damit verbundenen Überlegungen und Entscheidungen.

Zum 1. September 2017 beendet Dr. Gillig seine Arbeit im Mohr Siebeck Verlag. In den 35 Jahren seiner Tätigkeit hat er als juristischer Lektor ein Lebenswerk geschaffen, das auch als Ergebnis einer subtilen Jagd, nämlich der nach exzellenten Inhalten, verstanden werden kann: die Gesamtheit aller Bücher und Zeitschriften, die in seiner Zeit im juristischen Verlag erschienen sind. Dieses Ergebnis kann sich mehr als sehen lassen, und dafür ist der ganze Verlag Dr. Gillig bleibend dankbar.

Henning Ziebritzki
Geschäftsführer und Cheflektor Theologie und Judaistik 

 

[ Veröffentlicht in der Vorschau 2/2017 ]

An der Produktion von Verlagswerken sind neben Autoren, Herausgebern und Lektoraten auch externe Dienstleister wie Druckereien und Setzer beteiligt. Eine Schnittstelle zwischen all diesen Parteien ist die Herstellungsabteilung, die die Produktionsabläufe koordiniert. Während sich ein Hersteller noch vor zehn Jahren fast ausschließlich mit Kalkulation, Produktionssteuerung, Termin- und Kostenkontrolle für ein Buch beschäftigte, hat sich sein Arbeitsalltag in der Zwischenzeit – einhergehend mit dem Wandel der Verlagsbranche – in großem Maße verändert. Die Hersteller von Mohr Siebeck meistern nicht mehr nur betriebswirtschaftliche und drucktechnische Anforderungen, sondern brauchen auch ein Verständnis für technologische und inhaltliche Fragen. Die Entwicklung, neben Printprodukten auch eBooks zu vertreiben, stellt die Verlage vor die Aufgabe, Inhalte aufzubereiten und medienneutral vorzuhalten. Doch was bedeutet das für Autoren und Leser?

Jedes Medium stellt spezielle Anforderungen an den zu veröffentlichenden Inhalt. Aus einer herkömmlichen Satzdatei für ein Printprodukt können zum Beispiel nicht ohne weiteres Lesezeichen, automatische Verweise und Register für ein eBook generiert werden. Diese Funktionen, die den Mehrwert eines elektronischen Buchs darstellen, müssen einzeln in die Daten eingepflegt werden. Um zukünftig verschiedene Produkte aus einem einheitlichen Datenbestand erzeugen zu können, richtet Mohr Siebeck derzeit eine XML-basierte Content-Management-Lösung ein. Eine so strukturierte Datenbank hält Inhalte in einem medienneutralen Format zentral vor und erlaubt es, diese durch automatisierte Prozesse an das jeweilige Ausgabemedium anzupassen.

Die Einführung dieser neuen Strukturen stellt einen traditionellen Wissenschaftsverlag vor neue Herausforderungen. Die teilweise Automatisierung beschleunigt die Produktionsvorbereitung und ermöglicht es, eine stetig zunehmende Zahl an Neuerscheinungen zu publizieren. Andererseits darf der Leser ein Produkt erwarten, dessen anspruchsvoller Inhalt gut les- und rezipierbar ist – und zwar in allen Ausgaben. Vor allem aber liegt uns jeder Autor, der uns sein Werk zur Veröffentlichung anvertraut, am Herzen und ihm wollen wir bei der Produktion die bestmögliche individuelle Betreuung zukommen lassen.

Ist bei der Vielschichtigkeit von wissenschaftlichen Texten eine Standardisierung überhaupt möglich und wenn ja, zu welchem Zeitpunkt des Produktionsprozesses sollte sie einsetzen? Dies zu beurteilen, ist die zentrale Aufgabe des Herstellers. Er erfasst die Struktur des Textes und bereitet das Manuskript so auf, dass es sich ins vorgegebene Layout fügt. Individuelle Eigenheiten – wie zum Beispiel Verssatz oder komplizierte Tabellen – werden identifiziert und markiert: Jede Besonderheit im Manuskript blockiert zunächst die Satzautomation und erfordert häufig die Nacharbeit des Setzers, des Herstellers und manchmal auch des Verfassers. Durch die Bereitstellung von Dokumentvorlagen, die schon beim Schreiben die Strukturmerkmale des Textes automatisch hinterlegen, kann der Autor frühzeitig in den Prozess eingebunden werden. Daraus resultieren gut strukturierte Daten, auf deren Grundlage Inhalte sowohl in Print- als auch in Digital-Ausgaben effizient und optisch ansprechend hergestellt werden können.

Die richtige Mischung aus Standardisierung, Automatisierung und Individualität zu finden, ist der Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg einer Veröffentlichung. Der Hersteller entscheidet anhand des Textes und der Datenlage, was möglich und sinnvoll ist und welcher Produktionsweg eingeschlagen werden kann. Für jedes einzelne Projekt muss er das optimale Verhältnis neu ausloten. Denn jedes Werk ist und bleibt einzigartig.

 

Jana Trispel
Herstellungsleitung

 

[ Veröffentlicht in der Vorschau 1/2017 ]

Für einen Verlag unserer Größe sind wir mit einem Exportanteil von etwa 40 % sehr international ausgerichtet. Fast 15 % unseres Umsatzes wird dabei im asiatischen Raum erzielt. Daher fuhren mein Kollege, László Simon-Nanko, und ich im Juli anlässlich der SBL International nach Asien und trafen unsere Kunden in Seoul, Tokio und Peking.

Wir besuchten zunächst Südkorea, wo das deutsche öffentliche Recht Vorbildcharakter hat und breit rezipiert wird und wo koreanische Theologieprofessoren sich in perfektem Deutsch über die wichtigsten Neuerscheinungen aus unseren exegetischen Reihen informieren. Auf dem südkoreanischen akademischen Buchmarkt hat die Ausschreibungspolitik der Bibliotheken zu Preiskämpfen und Konzentrationsbewegungen im Handel geführt, letztlich sind es aber dennoch der persönliche Kontakt zu den Wissenschaftlern, die Präsenz auf Ausstellungen und die passende Vertriebsstrategie, die eher zum Erfolg führen als ein paar Rabattpunkte mehr.

In Japan pflegt der Verlag lange und vertrauensvolle Handelsbeziehungen und ist das akademische Umfeld recht stabil und gut ausgestattet. Es ist erfreulich, dass die äußere und inhaltliche Qualität unserer Bücher in Japan hoch geschätzt werden, dass Veröffentlichungen zum deutschen Recht und von Max Weber Kassenschlager sind, und dass in einer kleinen christlichen Buchhandlung in Tokio mehr unserer Titel im Regal stehen als in den einschlägigen Fachbuchhandlungen deutscher Universitätsstädte.

In China hat der Verlag die Chance, aufgrund der wissenschaftlichen Bedeutung seiner Bücher bekannt und anerkannt zu werden. Mohr Siebeck muss sich in diesem Umfeld, das geprägt ist von englischsprachigen, eher naturwissenschaftlich orientierten Großverlagen, noch durchsetzen, Nischen identifizieren und besetzen sowie Handelskontakte intensivieren und verstetigen. Beeindruckt hat mich, wie chinesische Importeure trotz Devisenkontrolle, Zensur und eingeschränktem Internetzugang Möglichkeiten suchen und finden, unsere digitalen Inhalte den Wissenschaftlern zugänglich zu machen.

Und was bleibt, nach knapp drei Wochen in Asien? Die Einsicht, dass dieser Markt sich nur durch lokale Mittler öffnet, seien es Agenten oder Händler, die die sprachlichen, kulturellen und marktspezifischen Hürden überwinden. Anders als im deutschen Markt können wir die Leser unserer Veröffentlichungen kaum direkt erreichen, sondern sind auf die Werbe? und Vertriebsarbeit der Händler und Agenten vor Ort angewiesen.

Es bleibt zudem die Überzeugung, dass diese und künftige Reisen, eine dauerhafte Kontaktpflege und marktgerechte Publikationen unsere Position in Asien weiter stärken werden. Und die schöne Erkenntnis, dass unsere Veröffentlichungen aus der Rechtswissenschaft, der Theologie und Judaistik, der Philosophie, der Soziologie und der Geschichtswissenschaft auch im Fernen Osten überaus geschätzt werden – und zwar, weil herausragende Autoren uns ihre Veröffentlichungen anvertrauen, deren Inhalte international rezipiert werden, aber auch weil besonders das deutsche Rechtswesen, die deutsche Philosophie und die deutsche Theologie in Asien ein hohes Ansehen haben. Das ermutigt nicht nur mit Blick auf die Zukunft unseres Verlages, sondern auch mit Blick darauf, dass in diesen Fächern Wissenschaft aus Deutschland und in deutscher Sprache eine internationale Referenzgröße ist und bleibt.

Katharina Stichling
Marketing- und Vertriebsleitung

[ Veröffentlicht im Mohr Kurier 3/2016 ]

Bei Wissenschaftlern – nicht zuletzt auch jenen der Rechtswissenschaften – ist der 70. Geburtstag auch als das »Festschriftenalter« bekannt. Mit dem Ende des Jahres 2015 hat nun die JuristenZeitung (JZ) ihren 70. Jahrgang vollendet. Dies gibt Anlass zu einer Rückschau, aber auch zu einer Selbstvergewisserung. Ausführlich hat Rolf Stürner, langjähriger ehemaliger JZ-Mitherausgeber, im ersten Heft des neuen Jahrgangs (JZ 2016, 1–18) Revue passieren lassen, welche Entwicklung die Zeitschrift durchlaufen hat und welche Themen in sieben Jahrzehnten deutscher Nachkriegs(rechts) geschichte auf ihren Seiten abgehandelt wurden. Aus der verlagsinternen Sicht ist die JZ insofern eine Besonderheit, als sie die einzige Zeitschrift mit einer »hauptamtlichen« Redaktion in der Tübinger Wilhelmstraße ist, was freilich an der Erscheinungshäufigkeit (zweimal monatlich) liegt. Viele Autorinnen und Autoren haben übrigens schon vor ihrem ersten JZ-Beitrag mit dem juristischen Lektorat zusammengearbeitet, das in direkter Nachbarschaft auf demselben Stockwerk beheimatet ist.

Charakteristisch für die JZ ist vor allem, dass sie unter den zahlreichen juristischen Zeitschriften – klammert man einmal die Ausbildungszeitschriften aus – eine der wenigen ist, die keine Spezialisierung auf ein bestimmtes Rechtsgebiet oder wenigstens auf eine der drei traditionellen »Säulen« des Fachs (Bürgerliches Recht, Öffentliches Recht und Strafrecht) aufweisen. Über die immer weiter fortschreitende Ausdifferenzierung des Rechts und die Spezialisierung der Juristen – einschließlich der Rechtswissenschaftler – wurde und wird viel diskutiert. Für den Verlag sowie Herausgeber und Redaktion heißt dies, zu fragen: Gibt es nach wie vor ein Bedürfnis und besteht entsprechend weiterhin eine Nachfrage nach einer »allgemeinen« juristischen Zeitschrift mit wissenschaftlichem Anspruch? Und wenn ja: Nach welchen Kriterien – neben der herausragenden Qualität – erfolgt die Auswahl von Beiträgen, wenn kein »rechtliches Thema« von vornherein ausgeschlossen ist?

Bei der zweiten Frage denkt man sicherlich zuerst an Themen, die potenziell alle Juristen und Rechtswissenschaftler interessierende Aspekte aufweisen. Also an intradisziplinäre Beiträge und an die »Vogelperspektive« auf Recht und Rechtsordnung(en): Europäisierung oder Konstitutionalisierung, richterliche Rechtsfortbildung, private law enforcement etc.; oder an sogenannte Grundlagenfächer wie Rechtstheorie oder Rechtsphilosophie. Aber es muss – und darf! – nicht immer »um's Ganze« gehen. Ein Beitrag mag sogar auf den ersten Blick eine sehr spezielle Rechtsfrage betreffen – durch einen eigenständigen dogmatischen Ansatz oder das Aufzeigen überraschender Parallelen mit zwischenzeitlich vergessenen Denkfiguren unter sich wandelnden gesellschaftlichen »Umweltbedingungen« kann er gleichwohl inspirierender sein als manche Reflexion über das »richtige Recht«.

Über die Kriterien und die Auswahl der einzelnen Beiträge hat zwischen den Herausgebern und Redaktionen über die Jahrzehnte bis heute stets in einem großen Ausmaß Konsens bestanden. – Was aber noch bemerkenswerter ist: Auch für Autorinnen und Autoren stellt sich ja immer wieder die Frage nach dem »richtigen« Publikationsort für den jeweiligen Beitrag. Und hier zeigt sich, dass die »Rolle« der JZ weithin übereinstimmend wahrgenommen wird, und dies sowohl unabhängig vom Erfahrungsstand in Sachen Lehr-, Forschungs- und Publikationstätigkeit als auch von der vertretenen Binnendisziplin. Das stellt sich nicht nur immer wieder in Gesprächen heraus, sondern lässt sich auch an den – nach wie vor in erfreulicher Anzahl – eingesandten Manuskripten erkennen. Vielleicht darf man das ja als Indiz für die Antwort auf die erste der oben gestellten Fragen sehen: Wir sind jedenfalls davon überzeugt, dass eine allgemeine juristische Zeitschrift, die wissenschaftlichen Anspruch mit Aktualität verbinden kann, wichtig und notwendig ist.

Martin Idler
Schriftleiter der JZ


[ Veröffentlicht im Mohr Kurier 2/2016 ]

"Lesen Sie denn die Manuskripte überhaupt noch?" Oder: "Müssen Sie nicht fürchterlich viel lesen?" - Geht es um den Beruf der Lektorin oder des Lektors, sind dies zwei sehr gegensätzliche, typische Fragen. Der Verlagslektor ist in der Tat ein stiller Viel- und Schnell-Leser: Im Wissenschaftsverlag geht es darüber hinaus besonders um die fachliche Programmgestaltung, Begutachtung und Beratung. Unsere Autorinnen und Autoren sind Spezialisten auf ihrem jeweiligen Gebiet und vertrauen uns die Veröffentlichung ihrer Forschungsergebnisse an. Dafür suchen wir den passenden Ort im Verlagsprogramm, sorgen für die Begutachtung, geben Hinweise zur Überarbeitung und schauen auf die Formalia.

Auch viele unserer Kundinnen und Kunden sind professionelle Leser, die sich auf uns als Wissenschaftsverlag bei der Beschaffung relevanter Forschungsliteratur verlassen: Denn was bei uns erscheint, durchläuft einen Auswahl- und Reviewprozess, wird oft von mehreren Seiten begutachtet und für wichtig befunden und sodann häufig auch überarbeitet. So leisten wir Orientierungshilfe in der immer unübersichtlicher werdenden Welt des wissenschaftlichen Publizierens und vermitteln auch des Öfteren neue Kontakte innerhalb der wissenschaftlichen Community.

Gerade junge Autorinnen und Autoren beraten wir intensiv und helfen auf dem Weg durch den Dschungel von Schriftenreihen, Gutachten, Promotionsordnungen, Fristen und Zuschüssen. Warum lohnt es sich, innerhalb einer renommierten Schriftenreihe zu publizieren und auf das Ergebnis einer zusätzlichen Begutachtung zu warten? Was ist ein gelungener Buchtitel? Warum sind Register wichtig? Bei kleinen und großen Fragen ist es von Bedeutung, einen persönlichen Ansprechpartner zu haben.

Lektoren sind Berufsoptimisten: Sind sie einmal von der Wichtigkeit eines Buchprojektes überzeugt, lassen sie nicht locker und werben auch nach dem Erscheinen in Zusammenarbeit mit dem Marketing dafür. Es ist immer wieder spannend für Programmmacher zu verfolgen, welche Erwartungen an einen Titel sich erfüllen (oder auch nicht). Und faszinierend ist es, wenn die Backlist-Verkäufe das politische Tagesgeschehen widerspiegeln und zum Beispiel in meinem Programmbereich nach den Ereignissen des letzten Herbsts Titel wie "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" von Karl R. Popper oder "Gewalt und Gesellschaftsordnungen" von Douglass North, John J. Wallis und Barry R. Weingast verstärkt gekauft (und gelesen?) werden.

In diesem Frühjahr erzählen zwei Neuerscheinungen im geschichtswissenschaftlichen und philosophischen Programm auf ganz unterschiedliche Art von der Lektorats- und Programmarbeit in verschiedenen historischen Konstellationen: Angelika Königseder berichtet in ihrer Arbeit zur Geschichte des Walter de Gruyter Verlags im Nationalsozialismus eindrücklich von den Zwängen und Verlockungen des wissenschaftlichen Verlegens in der Nazizeit. Reinhard Mehring analysiert in "Heideggers 'große Politik'. Die semantische Revolution der Gesamtausgabe" die Konzeption der Heidegger-Gesamtausgabe und beschreibt die Verhandlungen zwischen Autor und Verlag.

Auch wenn die Wissenschaftsverlage sich aktuell – Schlagworte sind Urheberrecht oder VG Wort – in turbulentem kulturpolitischen Fahrwasser befinden: Für Kulturpessimismus ist bei der Lektoratsarbeit kein Platz. Dafür ist es viel zu wichtig, weiterhin gemeinsam mit unseren Autorinnen und Autoren gute und relevante Bücher und Zeitschriften für die Wissenschaft zu machen.

 

Stephanie Warnke-De Nobili
Cheflektorin Geschichte, Philosophie und Sozialwissenschaften

[ Veröffentlicht im Mohr Kurier 1/2016 ]

Sie haben es schon im letzten Mohr Kurier bemerkt: die traditionelle Kolumne wird in veränderter Gestalt weitergeführt. Künftig werden wir hier aus unterschiedlichen Perspektiven auf den Verlag und unsere Arbeit blicken.

Die erste der drei Aufgaben unseres Marketings ist es, Sie über neue Veröffentlichungen zu informieren. Weil sich unser Programm immer mehr internationalisiert, bieten wir alle Informationen zweisprachig in Deutsch und Englisch an und erreichen mit unserer Werbung Leser und Kunden in der ganzen Welt. Und so wie wir Bücher und Zeitschriften zunehmend digital verfügbar machen, digitalisiert sich die Werbung: Neben den Mohr Kurier ist der eKurier getreten, mit dem wir aktuell und interessenspezifisch per E-Mail auf Neuerscheinungen hinweisen. Den Gesamtkatalog ersetzt die Verlagswebsite, die seit Kurzem in neuer Gestalt und mit erweiterter Funktionalität online ist. Auch künftig sollen sich gedruckte und digitale Werbung ergänzen: Wir bieten Ihnen weiterhin die Möglichkeit, im Mohr Kurier zu blättern und Anmerkungen zu notieren. In vielen Punkten sind elektronische Angebote aber überlegen: sie sind aktueller, mobil abrufbar, durchsuchbar und individuell aufbereitbar.

Im Zuge der Digitalisierung und der damit einhergehenden Informationsflut wird es immer wichtiger, die Sichtbarkeit unserer Veröffentlichungen zu erhöhen. Deshalb liegt ein neuer Fokus unseres Online-Marketings darauf, dass unsere Bücher und Zeitschriften über Suchmaschinen wie Google gut zu finden sind und in den zahlreichen fachwissenschaftlichen Recherchedatenbanken indiziert werden. Weiterhin ist es die Präsenz auf Fachtagungen, die unsere Veröffentlichungen auch außerhalb des Internets sichtbar macht.

Unser Marketing zielt drittens darauf ab, die Markenidentität von Mohr Siebeck in der Werbung zu spiegeln. Zu unserem Selbstverständnis gehört es, inhaltlich und äußerlich hochwertige Bücher und Zeitschriften für Wissenschaftsfelder zu veröffentlichen, deren konkrete Gestalt sich in den letzten 200 Jahren kontinuierlich verändert hat. Nun ist es an der Zeit, diese Entwicklungen im Auftritt des Verlags auf der Website und im Mohr Kurier zu verankern. Aus den vier Kerngebieten Theologie, Philosophie, Rechtswissenschaft und Wirtschaftswissenschaft, die das Verlagsprogramm im 20. Jahrhundert geprägt haben, haben sich neun eigenständige Programmbereiche entwickelt, die als drei thematisch zusammengehörige Säulen abgebildet werden. Die Rechtswissenschaft als das titelstärkste Verlagsgebiet, die Theologie als eine der ältesten Disziplinen des Hauses und die Geschichtswissenschaft als neuer Programmbereich sind dabei hervorgehoben.

Im Marketing verändert sich die Form den allgemeinen Informationsgewohnheiten entsprechend – gleichzeitig informieren auch die neuen Werbeformen äußerlich hochwertig und inhaltlich präzise und damit in bewährter Weise Sie, die Leserinnen und Leser, Kundinnen und Kunden. Die von mir genannten Ziele des Marketings sind dabei Mittel zum übergeordneten Zweck, unsere Bücher und Zeitschriften zu verkaufen und damit die Werke unserer Autoren zu verbreiten. Entsprechend ist das Marketing auf den Vertrieb ausgerichtet, über dessen Ausrichtung ich in einer der nächsten Kolumnen berichten werde.

Katharina Stichling
Marketing und Vertriebsleiterin


[ Veröffentlicht im Mohr Kurier 3/2015 ]

Mehr als man es im täglichen Geschäft wahrnimmt, lebt ein Verlag, wie jede Institution, von einem ständigen Wandel. Was sich im Dickicht des gelebten Augenblicks als kontinuierliche Arbeit darstellt, kann sich im lichtenden Rückblick auf einen früheren Zustand als große Veränderung erweisen. Das gilt auch für Mohr Siebeck. Es gehört aber zu den Besonderheiten unseres Verlages, daß die Eigenschaften, die ihn kennzeichnen, über sehr lange Zeiträume, jetzt schon im dritten Jahrhundert, eine erstaunliche Konstanz haben – immer konzentriert um die Aufgabe, qualitätsvolle Inhalte in hochwertiger Ausstattung für die Wissenschaften zu publizieren, die in unserem Programm vertreten sind.

Es ist ein großer Einschnitt in der Geschichte des Verlages, daß erstmals kein Mitglied der Eigentümerfamilie, sondern zwei angestellte Geschäftsführer die Geschicke des Hauses leiten. Wenn sich das von außen gesehen als Zäsur darstellt, überwiegt doch in der Geschäftsleitung die Kontinuität: Denn wir beide sind bereits seit 2005 Mitgeschäftsführer, haben in dieser Zeit mit Dr. Georg Siebeck den Verlag im Großen wie im Kleinen geführt und kennen das Haus und seine tragenden Ideen von Grund auf. Weil wir uns damit immer identifiziert haben, ist es unsere Absicht, die Arbeit in der Geschäftsführung und im Lektorat im wesentlichen wie bisher fortzuführen. Sicher wird sich in der Form einiges verändern, da wir keine geborenen Verleger sind. Was jedoch die Programmarbeit, den Gesamt auftritt und die leitenden Ideen und Konzepte betrifft, soll und wird hoffentlich für unsere Autoren und Kunden das Moment der Verläßlichkeit vorherrschen.

Wir haben uns vier Ziele gesetzt: Wir wollen das Programm erweitern und internationaler werden, auch indem wir vermehrt englischsprachige Titel publizieren, soweit das sachlich passend ist. Wir möchten den Vertrieb ausbauen, vor allem um unsere Präsenz auf den nichtdeutschen Märkten zu verstärken, wo wir gegen die Hälfte unseres Umsatzes erlösen. Wir möchten die Digitalisierung des Verlagsprogramms vorantreiben. Erste Schritte in diese Richtungen haben wir bereits unternommen, indem wir uns personell verstärkt haben: Wir konnten einige junge, zum Teil neue Mitarbeiter für Schlüsselpositionen gewinnen, die als eine neue Generation dafür sorgen sollen, den Wandel in der Kontinuität fortzusetzen.

So mag es zwar sein, daß in der Außenperspektive der Eindruck entsteht, daß wir neue Akzente setzen, aber das wird vor allem die Entwicklung von Potentialen und Ressourcen sein, die bereits vorhanden oder angelegt sind. Die sich wandelnden ökonomischen und rechtlichen Rahmenbedingungen werden es in der Zukunft nicht leichter machen, mit geisteswissenschaftlicher Spezialliteratur als Druckerzeugnis und in digitalen Formaten ertragreich zu wirtschaften – doch genau das bleibt unverändert unser Ziel.

Dr. Franz-Peter Gillig              Dr. Henning Ziebritzki

 

[ Veröffentlicht im Mohr Kurier 2/2015 ]

Liebe Leserinnen und Leser des Mohr Kuriers:

Diesmal rede ich Sie direkt und ohne Überschrift an, denn ich schreibe nicht über eine allgemeine Frage des Verlegens oder des Verlages sondern über etwas Persönliches.

Im vergangenen Jahr wurde ich 68 Jahre alt. Das ist für einen geisteswissenschaftlichen Gelehrten ein Alter, in dem er seinen reichen Erfahrungsschatz noch einmal neu herausholen und präsentieren kann. Für einen Verleger, der ein über die Jahre immer komplizierter gewordenes Geschäft betreiben muss, ist es aber ein Alter, in dem der Wert seiner Erfahrungen schwindet, jedenfalls für die tägliche Arbeit und die vielen Einzelentscheidungen, die da getroffen werden müssen.

Mit dem Verstand habe ich mir das schon seit langem klargemacht; deshalb habe ich mir die Führung des Verlages seit Jahren mit zwei äußerst klugen und loyalen Gefährten geteilt, die getroffen und für den Verlag gewonnen zu haben, ich zu den großen Glücksfällen meines Lebens zähle. Mit dem Verstand hatte ich auch meine eigene Geschäftsführung zunächst bis zu meinem 65. Lebensjahr begrenzt. Ich habe sie dann noch einmal um drei Jahre verlängert, weil ich meinen Beruf liebe und vor allem auch die vielen klugen Menschen schätze, mit denen ich durch ihn zusammengekommen bin.

In den letzten beiden Jahren habe ich aber, sowohl mit dem Verstand als auch und vor allem mit dem Gefühl, sehr deutlich gemerkt, wie schwer es mir fällt, den Anforderungen des Tages noch so nachzukommen, wie es eine verantwortungsvolle Ausübung meines Berufes erfordert. Ich musste mir ehrlicherweise eingestehen, dass ich für unsere schnelle Zeit zu langsam geworden bin, selbst für einen Verlag, der auf den langen Atem setzt.

So habe ich mich denn entschlossen, die Geschäftsführung des Verlages zum Ende des Jahres 2014 ganz niederzulegen.

Natürlich erfüllt mich dieser Entschluss auch mit Wehmut: Was gebe ich damit auf an täglichen Kontakten, an täglichen Anforderungen und – ja auch – an täglichen Freuden? Aber ich darf nicht nur an mich denken, muss auch an den Verlag und seine Mitarbeiter und auch an meine Familie denken. Für den Verlag ist es wichtig, dass ihm nicht eine Galionsfigur aus der Vergangenheit vorsteht, sondern dass er von Köpfen der Gegenwart und der Zukunft geleitet wird. Für die Familie ist es wichtig, dass ich für meine Frau, meine Kinder und Enkelkinder mehr Zeit habe als mir die weitere Ausübung meines Berufes ließe, zumal wenn ich für alles dort Erforderliche zunehmend mehr Zeit bräuchte.

Meine Töchter und ich haben vor einigen Jahren beschlossen, dass der Verlag nicht verkauft, sondern dass er in der Familie gehalten wird. Dabei soll es bleiben. Ich bin und bleibe dem Verlag auf absehbare Zeit als »Ankergesellschafter« erhalten. Ich werde mich auch weiterhin dafür interessieren, was hier erscheint und vor allem auch, wie. Ich werde mich auch in die Verlegerei im Allgemeinen hin und wieder einmischen, zumal wenn ich gefragt werde. Aber ich werde versuchen, mich möglichst wenig in die Entscheidungen meiner beiden Nachfolger in der Verlagsleitung, Franz-Peter Gillig und Henning Ziebritzki, einzumischen. Sie haben mein volles Vertrauen und sie haben über die Jahre auch das der Autoren des Hauses gewonnen.

So weiß ich den Verlag in guten Händen. Zum Jahreswechsel habe ich mein Büro im Verlagshaus in der Wilhelmstraße 18 geräumt, wo über 40 Jahre lang Privates und Geschäftliches nebeneinander seinen Niederschlag gefunden hatte. Ich habe mich auch entschlossen, nicht mehr regelmäßig in den Verlag zu kommen. Mein Vater ging hier in seinen letzten Jahren noch ein und aus, nur um seine Zeitung zu lesen. Von älteren Verlegerkollegen kenne ich ähnliches. Das möchte ich nicht. Der Geist von Hamlets Vater gehört in ein Stück von Shakespeare, nicht in ein Haus, das stets offen für Neues sein sollte.

Lassen Sie mich dennoch etwas theatralisch schließen: »Sie waren ein großartiges Publikum!«

Ihr Georg Siebeck

 

[ Veröffentlicht im Mohr Kurier 1/2015 ]