Wenn der 1. Petrusbrief seine Leser ein „heiliges Volk" nennt - was bedeutet das für ihr Verhältnis zu Israel? Noel Cheong untersucht die ethnische Sprache des Briefes und zeigt, dass nichtjüdische Gläubige nach dem Vorbild alttestamentlicher Fremdlingsaufnahme in Israel eingegliedert werden.
Noel Cheong legt eine umfassende Untersuchung der Ethnizität im 1. Petrusbrief vor und konzentriert sich dabei auf den Gebrauch von Bezeichnungen für Zugehörigkeit zu einem Volk wie γένος ἐκλεκτόν (2,9) und τὰ ἔθνη (2,12; 4,3). Er fragt, welche Implikationen diese Termini für das Verhältnis der Adressaten zu Israel haben, und gelangt zu dem Schluss, dass der Brief die gläubigen Heiden als Fremde darstellt, die sich Israel angeschlossen haben - in Analogie zur alttestamentlichen Eingliederung von Nichtisraeliten in das Gottesvolk. Methodisch bietet der Autor eine historisch-kritische Analyse des 1. Petrusbriefes und verortet dessen ethnische Sprache im jüdischen und griechisch-römischen Kontext des ersten Jahrhunderts. Zu diesem Zweck vergleicht er 1 Petrus mit Quellen wie griechischen Inschriften, den Qumranschriften und der Mischna. Ergänzt wird dies durch sozialwissenschaftliche Ansätze zur Ethnizität, die ethnische Kategorien als Versuche verstehen, Differenz anhand vermeintlich unveränderlicher Merkmale zu markieren, auch wenn Gruppenabgrenzungen faktisch fluide bleiben. Entsprechend sind Begriffe wie „Heide» und „Israel« nicht statisch, sondern spiegeln häufig das Bestreben wider, Unterschiede oder Gemeinsamkeiten zwischen Individuen hervorzuheben. Auf dieser Grundlage überprüft der Autor die verbreitete Annahme, das biblische Israel sei als ethnisch homogene Größe vorgestellt worden. Stattdessen zeigt er, dass das Alte Testament Israel regelmäßig als Gemeinschaft beschreibt, die auch Personen und Gruppen einschließt, die keine leiblichen Nachkommen Jakobs sind, etwa die Gibeoniter und die ansässigen Fremden, die am sozialen und kultischen Leben Israels beteiligt waren. Abschließend kommt der Autor zu dem Ergebnis, dass 1 Petrus eine durch und durch jüdische Vision der Einbeziehung der Heiden entfaltet, die mit den schriftgemäßen Erwartungen der Eingliederung der Nichtjuden in die Erlösung Israels übereinstimmt. Damit stellt er vorherrschende Deutungen jüdischer Konversion und des christlichen Supersessionismus in der neutestamentlichen Forschung in Frage.
Inhaltsübersicht:
Chapter 1: Introduction
1.1. Ethnicity - Then and Now
1.2. 1 Peter in Place and Time
1.3. Framing This Study
Chapter 2: Israel's Titles for a Gentile Audience
2.1. »You Are A Chosen People«
2.2. Hosea's Prophecy
2.3. The Diaspora of Israel
2.4. The Co-Elect in Babylon
2.5. Conclusion
Chapter 3: Πάροικος καὶ Παρεπίδημος and 1 Peter's Resident Foreigners
3.1. Status Quaestionis: Alienation and Exile
3.2. Israel's Non-Native Insiders
3.3. 1 Peter's Pious Gentiles
3.4. The Πάροικος and the Παρεπίδημος in the Ancient World
Chapter 4: Why are Outsiders Called »Gentiles«?
4.1. Who are τὰ ἔθνη?
4.2. Gentiles as Outsiders in 1 Peter
4.3. Conclusion
Chapter 5: Kinship and Conversion: Family Imagery in 1 Peter
5.1. The Futility of Ancestral Traditions
5.2. Redemption as Transfer
5.3. Divine Fatherhood and Regeneration
5.4. Becoming Children of Sarah
5.5. Sharing the Inheritance of Israel
5.6. Belonging to a Worldwide Brotherhood
5.7. The Household of Christ
5.8. Conclusion
Chapter 6: Conclusion
6.1. Summary
6.2. Implications
6.3. Reflections and Praxis