Siegfried Kracauer war Soziologe, Filmtheoretiker und Religionskritiker - und rang zeitlebens mit theologischen Problemen. Ansgar Martins folgt seinen »Wanderungen« durch Judentum, Esoterik und Marxismus.
»Erst die Empörung in den Regionen des Materiellen, dann die Kontemplation, die um Himmels willen nicht vom Materiellen ablenken darf.« Kracauer
Siegfried Kracauer ist als Soziologe, Filmtheoretiker und Kulturkritiker bekannt. Ansgar Martins rekonstruiert die religiösen Fragestellungen, die sein Werk eher beiläufig, von den frühen Schriften der Weimarer Republik bis zu seinen späten Arbeiten im amerikanischen Exil, durchziehen. Im Zentrum stehen drei nicht nur durch Kracauer verbundene Diskussionsfelder: Judentum, Esoterik und Materialismus. Der Autor verbindet philologische Werkanalyse mit Religions-, Philosophie- und Ideengeschichte und erschließt Kracauers Texte im Kontext deutsch-jüdischer Debatten, der religiösen Erneuerungsbewegungen nach dem Ersten Weltkrieg und der Entstehung des westlichen Marxismus. In Kracauers Verständnis des Judentums lebt ein säkularer Messianismus der Vernunft, der sich in der Auseinandersetzung mit dem zeitgenössischen Antisemitismus und Figuren jüdischen Außenseitertums konturiert. Seine Berichte über Hermann Keyserling, Rudolf Steiner, Eugen Diederichs und andere Weltanschauungsproduzenten der Zwischenkriegszeit erschließen zugleich wenig erforschte religiöse Zwischenwelten der Weimarer Republik. Seit Mitte der 1920er Jahre transformiert Kracauer seine religiösen Suchbewegungen schließlich in eine materialistische Profantheologie, die im Austausch mit Ernst Bloch, Walter Benjamin und Theodor W. Adorno entsteht. Ansgar Martins zeigt, wie sich messianische und theologische Motive in Gesellschaftskritik, Filmtheorie und Geschichtsphilosophie fortsetzen. Kracauers Denken erscheint so als Religionsphilosophie unter gesellschaftstheoretischem Vorbehalt: Letzte Fragen bleiben offen, während sich die Aufmerksamkeit auf die materielle und kontingente Lebenswelt richtet. Damit eröffnet Ansgar Martins neue Perspektiven auf Kracauer und auf die Verflechtungen von Religion, Philosophie und politischer Theorie im 20. Jahrhundert.
Inhaltsübersicht:
Einleitung: Religionsphilosophie unter gesellschaftstheoretischem Vorbehalt
Erster Teil. Messianische Ungeduld: Kracauer als Philosoph des Judentums
1. In Verteidigung der Aufklärung: Judentum als Messianismus der Vernunft
2. »Ewige Juden«? Zum Selbstbild des Außenseiters
3. Die Revolte der Natur gegen die Vernunft: Die gesellschaftliche Position der Juden und die Kritik des Antisemitismus
4. Tradition nach der Tradition: Der Kanon der »nichtjüdischen Juden«
5. Der Messianismus des Märchens
Zweiter Teil Religiöse Erneuerung? Kracauers Berichte aus den esoterischen Welten der Zwischenkriegszeit
1. Annäherungen: Weimarer Krisen, Sprachkritik und deutsch-jüdische Esoterik
2. Göttliche Natur und autoritäre Sehnsucht: Kracauers esoterische Interessen um 1920
3. Kracauer besucht die »Schule der Weisheit«: Zur scheinbar weltbürgerlichen »Sinn«-Philosophie Hermann Keyserlings
4. Grenzenlose Erkenntnis: Zur Präsenz und Prominenz der Theosophie
5. Esoterik als Ideologie der »Mittelschichten«: Eugen Diederichs, der Tat-Kreis und die ideologische »Obdachlosigkeit«
6. Nachspiel: Kracauer im Advisory-Board der Bollingen-Foundation, die Rolle C. G. Jungs und der Eranos-Kreis
Dritter Teil Theologie im Profanen: Kracauer und die religionsphilosophischen Konsequenzen des Materialismus
1. Der Weg ins Profane: Texte, Kontexte und Annäherungsversuche
2. Ein Tunnel von Marx zu Holbach: Kracauer zwischen anthropologischem und Historischem Materialismus
3. Kritik und Rettung: Zur Diskussion mit Bloch, Benjamin und Adorno
4. Highways Through The Void: Eschatologische Erkundungen im Vorraum
Schluss: Hundert Jahre Nichtexistenz der Frankfurter Altstadt