Karl Barth als johanneischer Theologe: Anne-Sophie Münch verfolgt die Rezeption des Johannesevangeliums durch die gesamte Kirchliche Dogmatik und beschreibt Barths Schrifthermeneutik neu - als kreative Exegese.
Anne-Sophie Münch analysiert Karl Barths Auslegung des Johannesevangeliums in der
Kirchlichen Dogmatik (KD) - exegetisch reflektiert, historisch kontextualisiert und im dogmatischen Sachzusammenhang. Im methodologischen Horizont der neueren rezeptionskritischen Forschung erweist sich das Johannesevangelium neben Paulus als zentraler
Rezeptionsgegenstand in Barths Dogmatik. Besonderes Gewicht erhalten in der KD der Prolog, Johannes der Täufer, die Sendungschristologie, die Ich-bin-Worte, die Abschiedsreden, die Erhöhungsaussagen und der Leitwortstil. Es lässt sich zuspitzen: Karl Barth ist ein johanneischer Theologe. Barth nimmt Johannes gewissermaßen als Dogmatiker ernst und lässt sich theologisch wie stilistisch durchgehend von Johannes inspirieren. In der Analyse von 23 einschlägigen Rezeptionsbeispielen, die alle Bände der KD im Haupttext wie Exkurs berücksichtigen und sowohl die Verortung im historischen Auslegungsdiskurs als auch den Transfer in die gegenwärtige Johannesforschung leisten, lassen sich sechs zentrale
Rezeptionsstrategien erheben. Diese Rezeptionsstrategien sind jenseits der Johannesrezeption für die Forschungsdiskussion um Barths Schrifthermeneutik weiterführend: kanonische, johanneisch-paulinische, narrative, christologische und trinitarische Exegese sowie Kritik der dogmatischen Tradition mittels Exegese. Im Ergebnis beschreibt Münch Barths Schrifthermeneutik neu - als
kreative Exegese - und dynamisiert damit eine festgefahrene Debatte. Die Kriterien für Kreativität sind erstens
Neuartigkeit und zweitens
Nützlichkeit bzw.
Problembewusstsein. Innerhalb eines bestehenden Regelsystems kann so der Bruch der Regeln an ausgewählter Stelle als
kreativ erachtet werden. Barth ist ein sachkundiger Theologe, der sich ausführlich mit den Texten befasst, um sie in einem bestimmten Problemhorizont, in neuen Zuordnungen zur Dogmatik und in Teilen mit radikalem Regelbruch zu rezipieren.
Inhaltsübersicht:
Einleitung
Teil I: Stand der Forschung, Methodik und hermeneutische Grundlegung
1. Forschungsbericht und Anschlussperspektiven
1.1. Karl Barth als Exeget in der bisherigen Forschung
1.2. Methodik: Karl Barths Exegese im Lichte der Rezeptionskritik
1.3. Die These der Arbeit: Karl Barths Johannesrezeption als kreative Exegese
2. Die schrifthermeneutischen Grundlagen
2.1. Karl Barths Schriftverständnis unter besonderer Berücksichtigung der (neutestamentlichen) Exegese
2.2. Bibelwissenschaftliche Problematisierung des Kanonverständnisses Barths
2.3. Der Exeget und seine Zeit
Teil II: Die Johannesrezeption in der Kirchlichen Dogmatik
1. Der Johannesprolog
2. Johannes der Täufer und das Lamm Gottes
3. Die johanneische Sendungschristologie
4. Die ἐγώεἰμι-Worte
5. Die johanneischen Abschiedsreden und ihr literarischer Kontext
6. Die Erhöhung Christi am Kreuz
7. Johanneische Leitworte
Teil III: Synthese
1. Systematisierung der Rezeptionsstrategien
1.1. Kanonische Exegese
1.2. Johanneisch-paulinische Exegese
1.3. Narrative Exegese
1.4. Christologische Exegese
1.5. Trinitarische Exegese
1.6. Kritik der dogmatischen Tradition mittels Exegese
2. Ertrag
2.1. Methodischer Ertrag
2.2. Exegetischer Ertrag
2.3. Hermeneutischer Ertrag
2.4. Dogmatischer Ertrag