Welche Rolle spielt Herkunft für den wissenschaftlichen Werdegang? Die autobiographischen Erzählungen von 35 Rechtswissenschaftlerinnen und Rechtswissenschaftlern mit Migrationsgeschichte eröffnen persönliche Perspektiven auf diese Frage. Auch zeichnen sie ein lebendiges Bild der Vielfalt und des Wandels in der deutschsprachigen Rechtswissenschaft.
Diversität in Rechtswissenschaft und Rechtspraxis wird seit einigen Jahren intensiv diskutiert und zunehmend als wichtige Voraussetzung für eine zukunftsfähige juristische Wissenschaft und Praxis verstanden. Diversität gründet sich auf zahlreiche Merkmale. Der vorliegende Band richtet den Blick auf die Migrationsgeschichte von Rechtswissenschaftlerinnen und Rechtswissenschaftlern, die an deutschsprachigen Universitäten lehren. Er versammelt 35 autobiographische Berichte und geht der Frage nach, welchen Einfluss die Herkunft auf den wissenschaftlichen Werdegang der Autorinnen und Autoren gehabt hat: War sie Hindernis oder Chance? Hat sie Forschungsinteressen, Methoden oder Perspektiven geprägt? Die Beiträge geben darauf sehr persönliche Antworten, ohne den Anspruch auf Repräsentativität oder Vollständigkeit zu erheben. Die Autorinnen und Autoren berichten von ganz unterschiedlichen Lebenswegen - als selbst Eingewanderte oder als Kinder von Einwanderinnen und Einwanderern. Ihre Erzählungen spiegeln die Vielfalt individueller Erfahrungen ebenso wie die unterschiedlichen Motive und historischen Kontexte von Migration wider. Sie zeigen, dass Einwanderung den deutschsprachigen Raum seit Jahrzehnten prägt, sich gesellschaftliche Rahmenbedingungen und Einstellungen gegenüber Einwanderinnen und Einwanderern jedoch im Laufe der Zeit erheblich verändert haben. Zugleich eröffnet der Band einen Einblick in die Lebenswirklichkeit von Familien mit Migrationsgeschichte: das physische und emotionale Pendeln zwischen Ländern und Kulturen, enge familiäre Bindungen über nationale Grenzen hinweg sowie die Familie als Ort von Identität, Halt und Prägung. Über die Migrationsgeschichte hinaus dokumentieren die generationenübergreifenden Beiträge eindrucksvoll den Wandel des akademischen Umfelds und der Bedingungen wissenschaftlicher Karrieren in den vergangenen fünf Jahrzehnten. So entsteht ein vielschichtiges Panorama persönlicher Lebensgeschichten, das zugleich einen neuen Blick auf Diversität in der deutschsprachigen Rechtswissenschaft eröffnet.
Inhaltsübersicht:
Anatol Dutta/Matteo Fornasier: Vorwort -
Vassilios Skouris: Migration(en) mit Unterbrechungen -
Tiziana Chiusi: Ein Wintermärchen -
Daniel-Erasmus Khan: Das Blut macht den Fremden nicht -
Dennis Solomon: Migrationsbiographie? Ich? - José
Martínez: Sie kehren ja eh wieder zurück -
Bijan Fateh-Moghadam: (Nicht) Dazu gehören -
Michael Nietsch: Vielfältige Ansichten über Deutschland -
José-Domingo Rodríguez Martín: Ein Zufluchtsort in den Alpen: Wie ein Spanier sein Zuhause in der deutschsprachigen Welt entdeckte -
Jens M. Scherpe: Mittendrin aber nie ganz dabei -
Nadjma Yassari: Standardausländerin -
Hatem Elliesie: Interferierende Identitätszuschreibungen als Quelle des Erkenntnisinteresses -
Michael Grünberger: Diversitätsgeschichten eines Rechtswissenschaftlers -
Shu-Perng Hwang: Warum überhaupt nach Deutschland wechseln? -
Foroud Shirvani: Zwischen Orient und Okzident -
Felipe Temming: Ein Westfale mit chilenischem Einschlag -
Imen Gallala-Arndt: Brücken zwischen Verbindung und Einsamkeit -
Yuanshi Bu: Offenheit und Nachhaltigkeit -
Elena Dubovitskaya: „Wir müssen leider draußen bleiben.» - Und andere Kapitel meiner Geschichte -
Anatol Dutta: Hier zu Hause, ein fernes Land im Herzen -
Tanja Domej: Heimat - Fremde - Heimat -
Matteo Fornasier: „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall« -
Osman Isfen: Ich bin ein deutscher Wissenschaftler -
Mehrdad Payandeh: Irgendwie dazwischen -
Emanuel V. Towfigh: Bitte gehen Sie weiter, es gibt hier nichts zu sehen -
Mohamad El-Ghazi: Vom Flüchtling zum Jura-Professor -
Konstantina Papathanasiou: Es gibt keine Zufälle -
Rafael Harnos: Zufällige Erwachsenenmigration in die deutsche Rechtswissenschaft -
Dimitrios Linardatos: Im Autobianchi nach West-Deutschland -
Georgia Stefanopoulou: Deutsch(land) lernen -
Jennifer Antomo: Wohin du auch gehst, geh' mit deinem ganzen Herzen -
Grażyna Baranowska: Grenzübergänge: zwischen Herkunft und Forschung -
Kristin Boosfeld: Mijn moeder -
Elsemieke Daalder: Eine akademische Grenzpendlerin zwischen Leiden und Münster -
Michael Denga: Unsichtbare Migration ins Europäische Privatrecht -
Aziz Epik: Ein Berliner Kind -
Asif I. Butt: Migration, soziale Herkunft und juristische Karrieren - eine soziologische Einordnung.