Die Beiträger dieses Bandes zeigen, wie Weisheitstraditionen, die Theologie und Ethik des Neuen Testaments sowie die Identität der frühen christlichen Gemeinden prägen. In siebzehn Essays werden Weisheitsmotive durch Evangelien, Apostelgeschichte, paulinische und johanneische Literatur, Jakobusbrief und Hebräerbrief verfolgt.
Der Band geht auf ein Symposium zur Weisheit im Neuen Testament zurück. Seine Beiträger vertiefen die Forschung zu diesem Thema im Licht aktueller Entwicklungen.
Der erste Teil, Perspektiven aus der antiken Weisheitsliteratur, bietet komplementäre Lektüren antiker Weisheitsmotive im Neuen Testament und zeigt jeweils, wie diese Motive das frühchristliche Denken geprägt haben. Dafni zeichnet die Traditionslinie eines prägnanten gnomischen Spruches nach - von Amenemope und Theognis über Sprüche 27,1 im masoretischen Text und in der Septuaginta bis zu seinen Nachklängen im Neuen Testament. Docherty zeigt, dass die Weisheitsliteratur die eschatologische und ethische Vorstellungswelt des frühen Christentums maßgeblich geprägt hat.
Der zweite Teil, Perspektiven zur Weisheit in den Synoptischen Evangelien und in der Apostelgeschichte, beleuchtet, wie antike Weisheitstraditionen die Jesusdarstellungen der Evangelien und die frühchristliche Identitätsbildung formen. Viljoen zeigt, wie das matthäische Jesusbild Weisheitsmotive aus der Literatur des Zweiten Tempels aufnimmt. Wagner untersucht die Zwei-Wege-Lehre im Matthäusevangelium als durchgehendes Weisheitsmotiv, das seinen Ursprung in der alttestamentlichen Weisheitsliteratur hat und in Matthäus 7,13-14 sowie in der Didache wieder hervortritt. Neumann liest das Sprichwort vom Licht des Leibes im Horizont antiker Sehtheorien und zeigt, wie Matthäus und Lukas dasselbe Weisheitsmotiv rhetorisch unterschiedlich verwenden. Davis legt eine synchronische Lektüre von σοφία im Lukasevangelium vor und zeigt, dass Weisheit dort weniger als inhaltlich fassbares Wissen fungiert denn als sozialer Marker, der die zur Gemeinschaft Gehörenden von den Außenstehenden unterscheidet. Stenschke zeichnet die Rolle der Weisheit in Fragen von Leitung, Konflikt und Identität in der Apostelgeschichte nach.
Im dritten Teil, Perspektiven zur Weisheit in der johanneischen Literatur, argumentiert Anderson, dass das offenbarungstheologische Jesusbild des Johannesevangeliums nicht aus gnostischen Quellen herzuleiten ist; Claußen zeigt, dass die johanneische Wassermetaphorik im Horizont der Weisheitstraditionen gelesen werden muss, um die Christologie des Evangeliums zu verstehen.
Der vierte Teil, Perspektiven zur Weisheit in der paulinischen Literatur, fragt danach, wie Weisheitsmotive die paulinische Theologie prägen. Schluep liest 1 Korinther 1-4 als konzentrierte Reflexion über das Wort vom Kreuz und die Weisheit Gottes im Kontrast zur Weisheit der Welt. Potgieter zeigt, wie Paulus Ausdrucksformen eines carpe diem-Ethos aufgreift und kritisch umdeutet, um die Grenze zwischen Weisheit und Torheit neu zu ziehen. White prüft die These, dass die paulinische Bezeichnung Christi als „Ebenbild Gottes» auf Weisheit 7,26 anspielt; Kok zeigt, wie Jesus unter Rückgriff auf jüdische Weisheitsmotive als Prototyp dargestellt wird.
Der fünfte Teil, Perspektiven zur Weisheit im Jakobusbrief und im „Hebräerbrief«, untersucht Funktion und Stellenwert von Weisheitssprache und -motiven in diesen Schriften - mit Beiträgen von Bertolet zu Jakobus 3,13-18, Coetsee zu εὐλάβεια/εὐλαβέομαι im Hebräerbrief, Nagel zur Sprache des Erkennens des Herrn und Steyn zum παιδεία-Motiv.
Gemeinsam zeigen die Beiträge facettenreich, wie Weisheitstraditionen die Theologie und Ethik des Neuen Testaments sowie die Identität der frühen christlichen Gemeinden prägen. Indem sie die Texte in ihre jüdischen und hellenistischen Kontexte einordnen, laden sie zu weiterer Forschung über die prägende Rolle der Weisheit in den frühchristlichen Schriften ein.
Inhaltsübersicht:
Preface - Perspectives from Ancient Wisdom Literature - 1.
Evangelia G. Dafni: Spuren der Weisheit: „Kein Mensch weiß, was die Zukunft bringt". Weisheit und Gnomische Dichtung am Beispiel von Amenemope XIX 11-13, Theognis 1.159-160 und Proverbien 27,1 - 2.
Susan Docherty: The Influence of Israel's Wisdom Literature on the New Testament: The Case of LXX Proverbs - Perspectives on Wisdom in the Synoptic Gospels and the Acts of the Apostles - 3.
Francois P. Viljoen: Jesus as Wisdom: Intertextual echoes in the Gospel of Matthew - 4.
Jochen Wagner: Die Zwei-Wege-Lehre bei Matthäus und in der Didache - 5.
Nils Neumann: Jesus' 'Wisdom Saying' about the Lamp of the Body: Visual Two-Way-Traffic in Matt 6:22-23 and Luke 11:34-36 - 6.
Phillip A. Davis, Jr.: The Function of Appeals to σοφία in Luke's Gospel - 7.
Christoph W. Stenschke: Divine and Human Wisdom in Acts 6-7 - Perspectives on Wisdom in the Johannine Literature - 8.
Paul N. Anderson: The Wisdom of Jesus and Solomon in Johannine Perspective - 9.
Carsten Claußen: Living Water and Wisdom in the Gospel of John: A Sapiential Reading of John 4:10-11 and 7:38 - Perspectives on Wisdom in the Pauline Literature - 10.
Christoph Schluep: From Wisdom to Love: Paul's Wisdom-Theology and the Shift of Concepts in 1 Corinthians - 11.
Annette Potgieter: Carpe Diem: 1 Corinthians 15:32 and the Wisdom of Solomon - 12.
Joel White: The 'Image' (εἰκών) of Paul and the Limits of Wisdom Christology - 13.
Jacobus Kok: Jesus Christ and Jewish Wisdom Speculation: Perspectives on Complexity of Identity in Colossians and Ephesians - Perspectives on Wisdom in the Epistle of James and the 'Letter' to the Hebrews - 14.
Timothy J. Bertolet: The Origin and Ethics of Wisdom in James 3:13-18 - 15.
Albert J. Coetsee: The εὐλάβεια/εὐλαβέομαι Word Group in Hebrews as a Wisdom Motif - 16.
Peter Nagel: Does 'Knowing the Kyrios' signal Covenantal Wisdom in Hebrews 8:8-12? - 17.
Gert J. Steyn: The παιδεία-Motif in Hebrews 12:5-11 as Wisdom Tradition?