In diesem Band werden die Wechselbeziehungen zwischen Judentum, Christentum und Islam von der Antike bis zur Frühen Neuzeit im Hinblick auf die Entwicklung von Wissen und Wissenschaft untersucht. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie sich die Offenbarungstheologie in verschiedenen epistemologischen Ordnungen artikulieren und legitimieren konnte.
In einer bewusst gewählten historischen Tiefe analysieren die Beiträger dieses Bandes die Wechselwirkungen zwischen Judentum, Christentum und Islam von der Antike bis zur Frühen Neuzeit. Im Zentrum steht dabei die geschichtliche Entfaltung der Systeme von Wissen und Wissenschaften und die Frage, wie sich das, was in methodisch strenger Hinsicht als Offenbarungstheologie gelten kann, innerhalb verschiedener epistemologischer Ordnungen artikulierte. Die Beiträgerinnen und Beiträger gehen der Entwicklung der Diskursfähigkeit theologischer Aussagen unter den Bedingungen dieser Wissensordnungen nach und analysieren, wie religiöse Wahrheitsansprüche kulturell, wissenschaftlich und institutionell begründet wurden. In interdisziplinärer Perspektive beleuchten die Einzeluntersuchungen, wie jüdische, christliche und islamische Denkformen einander begegneten, sich gegenseitig herausforderten und befruchteten. Sie beschäftigen sich mit dem Beitrag ausgewählter Dichter, Exegeten, Missionare, Philosophen, Theologen und früher Völkerrechtslehrer zum Dialog der Religionen und gehen der Frage nach, wie das jeweilige Selbstverständnis der Vertreter der jüdischen, der christlichen und der muslimischen Überlieferung durch unterschiedliche Ordnungen des Wissens geprägt war und welche Bedeutung und Relevanz diese Ordnungen für die Begegnung mit Angehörigen anderer Glaubenstraditionen hatten. Die Antworten auf diese Frage zielen auf das in den Wissensordnungen enthaltene Potenzial für wechselseitige Lern- und Verstehensprozesse zwischen - ebenso wie innerhalb - der religiösen Traditionen von Judentum, Christentum und Islam, aber auch zwischen ihnen und dem säkularen Wissen der Zeit.
Inhaltsübersicht:
Alexander Fidora/Matthias Lutz-Bachmann: Religionsdialoge und Systeme des Wissens und der Wissenschaften - Eine Einleitung -
Matthias Lutz-Bachmann: Machtpolitik und Religion. Der Streit um den Victoria-Altar in der kaiserzeitlichen Spätantike und seine Implikationen für ein Konzept des „Dialogs der Religionen" -
Hartmut Leppin: Religionsgespräche vor spätantiken Machthabern -
Georges Tamer: Identitätsstiftende Diskurse im Koran -
Jörn Müller: The Christian Faith at the Tribunal of Human Reason. A Philosophical Reading of Gilbert Crispin's Disputatio Christiani cum Gentili -
Lydia Schumacher: Divine Power and Possible Worlds in Early Franciscan Thought: A Study in the Reception of Avicenna's Metaphysics -
Katja Krause: Albertus Magnus im Religionsdialog mit Moses Maimonides? Zur Ordnung von Philosophie und Theologie -
Markus Enders: Die zweifache Weise der einen Wahrheit über Gott - die Wahrheit des Wissens und die Wahrheit des Glaubens. Die methodologischen Grundsätze der philosophischen Glaubensapologetik des Thomas von Aquin gegenüber dem Islam und ihre wissenschaftstheoretische Grundlegung in der Summa contra gentiles -
Sita Steckel: Henry of Ghent and the Prophet's Prohibition of Debate. On Inter-Religious Polemic in Intra-Christian Controversies -
Elisabeth Hollender: Der „hebräische Dante": Jüdisches Wissen in „terza rima" -
Alexander Fidora: Zum Religionsgespräch verpflichtet? Überlegungen zu umstrittenen Voraussetzungen iberischer Missionierungsversuche im 13. und 16. Jahrhundert -
Ömer Özsoy: Der koranische Diskurs als Polylog: Zur Deutung der ambivalenten Rezeption biblischer Traditionen im Koran -
Yossef Schwartz: Inter-Cultural Tensions of Jewish Civilization and the Political Theologies of Jewish Orientalism