Was fühlen Menschen und wie erzählen biblische und frühchristliche Texte davon? Die Beitragenden dieses Bandes fragen nach Angst, Trauer, Zorn, Freude, Ekel und Liebe und zeigen, wie Sprache und Kultur Gefühle formen - und was sie für Mensch, Gemeinschaft und Glauben bedeuten.
Die Beitragenden dieses Bandes untersuchen Emotionen in biblischen und frühchristlichen Texten als historisch und kulturell geprägte Phänomene, die sich nicht auf innerpsychische Zustände reduzieren lassen. Im Zentrum steht die These, dass Emotionen in antiken Texten körperlich, relational, sprachlich und sozial codiert sind und deshalb nur unter Berücksichtigung ihrer jeweiligen kulturellen und literarischen Kontexte angemessen erschlossen werden können. Die Beitragenden konzentrieren sich vornehmlich auf frühjüdische und frühchristliche Texte des östlichen Mittelmeerraums in hellenistisch-römischer Zeit und beziehen zugleich Traditionen der Hebräischen Bibel sowie antike philosophische und rhetorische Emotionsdiskurse ein.
Methodisch verbindet der Band semantisch-philologische, narratologische, kultur- und emotionsgeschichtliche sowie historisch-psychologische Zugänge. Theoretische Impulse stammen insbesondere aus dem affective turn, aus kulturwissenschaftlichen Emotionstheorien und dem Konzept der emotional communities. Die einzelnen Beiträge nehmen Gottesfurcht, Trauer, Zorn, Freude, Eifer, Ekel, Schmerz und Liebe in den Blick - und ebenso die bewusste Reduktion emotionaler Zuschreibungen.
Durchgängig zeigen die Beiträge, dass Emotionen in biblischen und frühchristlichen Texten wesentlich zur Figurencharakterisierung, Identitätsbildung und Gemeinschaftskonstitution sowie zur ethischen und theologischen Profilierung beitragen. Zugleich verdeutlichen sie die enge Verschränkung von Emotion, Körperlichkeit, Kognition, Sprache und sozialer Praxis. Wer Emotionen als kulturelle Praxis liest, erschließt die anthropologischen, literarischen und theologischen Dimensionen antiker Texte neu.
Inhaltsübersicht:
Vorwort: Andrea Beyer, Saskia Breuer, Paula J. Greiner-Bär, Anna-Lena Kassner: Homo Emoticus: Der (un)emotionale Mensch
Teil I: Einzelne Emotionen
Mirjam Jekel: Zwischen Höllenangst und Kuschelgott. Konzepte biblischer Gottesfurcht und ihre Konsequenzen - Paula Josephine Greiner-Bär: Klagende Frauen und weinende Männer. Trauer angesichts von Not, Leid und Tod bei den Synoptikern - Petra von Gemünden: Mit oder ohne Zorn. Zur Wertung des Zorns in der Antike - Jonathan Capellán-Matos: Die Freude in Röm 15,13 - χαρά und wo sie zu finden ist - Daniel Wiebe: Göttliche und weltliche Freude. Die Ambivalenz der Freude (χαρά) im Jakobusbrief - Saskia Breuer: The Matter of Zeal in Acts 4-5 - Markus Lau: Ekelhaft! Exegetische Beobachtungen zur Konstruktion von »Ekel« in neutestamentlichen Texten
Teil II: Querschnitte
Andrea Beyer: Kein Wort für »fühlen«. Die Konzeptionalisierung von »Emotionen« im AT als methodologische Herausforderung - Matthias Berghorn: Ein emotionaler Mensch im Angesicht der Gottesherrschaft. Ein Beitrag zu Vorkommen, Funktion und Nutzung von Emotionen in den synoptischen Parabeln - Nils Neumann: Gemischte Gefühle? Der Schmerz im Markusevangelium - Benjamin Lensink: Mangel an Emotion? Jesus im Lukasevangelium und Thomas in den apokryphen Thomasakten - Anna-Lena Kassner: Liebe im johanneischen Schrifttum. Zwischen Beziehung, Ethik und Affekt