One Mode of Judicial Law-making: Disapplying Extant International Law - 10.1628/000389217X14896559355334 - Mohr Siebeck
Rechtswissenschaft

Theodor Schilling

One Mode of Judicial Law-making: Disapplying Extant International Law

Rubrik: Abhandlungen
Archiv des Völkerrechts (AVR)

Jahrgang 55 () / Heft 1, S. 65-97 (33)

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Courts will sometimes decide cases on the basis of extralegal ethical norms in the place of the applicable international law in order to create new law for the case in question. However, these ethical norms should not be understood as emerging customary international law, as they do not meet the standard definition of such norms as developed by the ICJ. Courts which apply ethical norms in the place of established international law do not in general act unlawfully, i.e. they are not doing anything that is prohibited by law; as such it will only amount to a perversion of justice in exceptional cases. This conduct can be justified ethically, provided that the higher aim of justice outweighs the consistent application of international law in the exceptional case. Yet if courts proceed in this manner, they must make this clear in their reasoning. This article provides some exemplary cases in which courts did not apply international law but instead decided on the basis of ethical norms, thereby creating new jurisprudence. This article seeks to outline this new case-law and explores the influence of these decisions on the possible development of customary international law, including the position of an eventual persistent objector. Gerichte lassen gelegentlich geltendes Völkerrecht außer Anwendung, um für den anhängigen Fall auf der Grundlage außerrechtlicher ethischer Normen neues Recht zu schaffen. Solche ethischen Normen sollten nicht als – etwa in Entstehung begriffene – völkergewohnheitsrechtliche Normen verstanden werden: Sie entsprechen nicht der vom IGH entwickelten Standarddefinition solcher Normen. Gerichte, die geltendes Recht außer Anwendung lassen und stattdessen nach ethischen Normen entscheiden, handeln generell nicht rechtswidrig, d.h. sie tun nichts rechtlich Verbotenes; Rechtsbeugung wird nur ausnahmsweise vorliegen. Ihr Vorgehen kann auch ethisch gerechtfertigt sein. Das setzt voraus, dass das mit der Entscheidung verfolgte Gerechtigkeitsinteresse das Interesse an der vollen Aufrechterhaltung der Völkerrechtsordnung (ausnahmsweise) überwiegt. Gehen Gerichte so vor, so sollten sie in der Begründung ihrer Entscheidung offenlegen, was sie tun. Der Artikel stellt beispielhaft einige Fälle vor, in denen Gerichte geltendes Völkerrecht außer Anwendung gelassen, nach ethischen Normen entschieden und damit neues Fallrecht geschaffen haben. Er sucht dieses neue Recht zu erfassen und erörtert den Einfluß der jeweils zugrunde liegenden Entscheidung auf eine mögliche Entwicklung des Völkergewohnheitsrechts einschließlich der Stellung eines allfälligen persistent objectors.
Personen

Theodor Schilling Geboren 1949; Studium der Rechtswissenschaften in Erlangen und Würzburg; 1977–2006 Jurist im Sprachendienst des Gerichtshof der EG; 1984 Promotion; 1994 Habilitation; apl. Professor für öffentliches Recht, Europarecht und Völkerrecht an der Humboldt-Universität zu Berlin.