Rückwirkung in grenzüberschreitenden Sachverhalten: Zwischen Statutenwechsel und ordre public - 10.1628/rabelsz-2020-0095 - Mohr Siebeck
Rechtswissenschaft

Christiane von Bary, Marie-Therese Ziereis

Rückwirkung in grenzüberschreitenden Sachverhalten: Zwischen Statutenwechsel und ordre public

Jahrgang 85 () / Heft 1, S. 146-171 (26)
Publiziert 20.01.2021

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Während das deutsche Recht eine ausführliche Kasuistik zum Umgang mit Rückwirkungen hervorgebracht hat (II.), erhielten diese in grenzüberschreitenden Privatrechtsfällen bislang wenig Aufmerksamkeit. Die Lösungen des nationalen Rechts können dabei nicht ohne Weiteres übertragen werden, sondern es muss auf die Regelungen zum Umgang mit Statutenwechseln und den ordre public zurückgegriffen werden. Aus Sicht des deutschen Internationalen Privatrechts werden Rückwirkungen durch die kollisionsrechtliche Methodik zum Umgang mit Statutenwechseln weitestgehend vermieden, indem durch eine Unterscheidung zwischen abgeschlossenen Sachverhalten, offenen Tatbeständen sowie teilbaren und unteilbaren Dauerrechtsverhältnissen der richtige Maßstab zur Wahrung des Grundsatzes der lex temporis actus gewährleistet wird (III.). Ergibt sich die Rückwirkung hingegen aus ausländischem Recht, kommt eine Korrektur durch den ordre public in Betracht (IV.). Dabei ist immer das materielle Gesamtergebnis, welches die rechtlichen Auswirkungen auf den Lebenssachverhalt erfasst, maßgeblich, und im Rahmen der ordre public-Abwägung sind die innerdeutschen Grundsätze zum Umgang mit Rückwirkungen zu beachten. ---------- Retroactive Effect in International Matters, Change of the Applicable Law, and Public Policy. – While German law does provide for a detailed differentiation as regards retroactive effect in the domestic context (II.), retroactivity has rarely been discussed in transnational cases relating to civil matters. The national solutions cannot generally be transferred to the international level; instead, it is crucial to rely on the methods of private international law – in particular rules dealing with a change of the applicable law and with public policy. German private international law largely prevents retroactive effects from occurring through the methodology developed for dealing with a change of the applicable law (III.). Distinguishing between completed situations, ongoing transactions and divisible as well as indivisible long-term legal relationships, it is possible to ensure adherence to the principle of lex temporis actus. If the retroactive effect is caused by foreign law, it may violate public policy, which allows and calls for an adjustment (IV.). When determining whether a breach of public policy occurred in a case of retroactivity, it is necessary to consider the overall result of the application of foreign law rather than just the decision as to which foreign law is applicable. For guidance on whether such a result violates public policy, one has to look at the national principles dealing with retroactive effect.
Personen

Christiane von Bary Geboren 1988; Studium der Rechtswissenschaft an der Universität Passau; wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Bürgerliches Recht, Internationales Privatrecht und Rechtsvergleichung der Universität Passau; 2017 Promotion; seit 2016 Rechtsreferendariat in München.
https://orcid.org/0000-0003-2462-7599

Marie-Therese Ziereis Geboren 1992; Studium der Rechtswissenschaft an der LMU München; Referendariat in München und Wellington, Neuseeland; wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Bürgerliches Recht, Internationales Privatrecht und Rechtsvergleichung an der LMU München; 2020 Promotion; seit 2020 Regierungsrätin im Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst und Lehrbeauftragte an der LMU München.