Wie hat Platon die Seele konzipiert, und lassen sich seine verstreuten Aussagen zu einer kohärenten psychologischen Theorie zusammenführen? Internationale Forscherinnen und Forscher untersuchen Aspekte wie Wahrnehmung, Begierde und die mathematische Konstitution der Seele und beleuchten Platons nachhaltigen Einfluss auf Philosophie und Psychologie.
Obschon Platon vielen als ‚Begründer' der Psychologie gilt, ist es umstritten, inwiefern sich Platons verschiedenen Ausführungen zur Seele zu einer eigentlichen psychologischen Theorie zusammensetzen. In diesem Band, der auf die Tübinger Platon-Tage 2024 zurückgeht, untersuchen dreizehn internationale Forscherinnen und Forscher verschiedene Aspekte von Platons Behandlung der Seele, die in einem engeren Sinn ‚psychologisch' genannt werden können, wie etwa seine Theorie der Wahrnehmung, der Begierde, der Lust oder der Vorstellung (
phantasia). Ein besonderes Augenmerk gilt hierbei der Frage, inwiefern solche Phänomene psychophysisch sind, das heißt nicht nur die Seele, sondern auch den Körper betreffen. Hinzu kommen Beiträge, die klären möchten, was es für Platon bedeutet, dass die Seele ein Lebensprinzip und auch die Herrscherin über den Körper und seine Dispositionen und Prozesse ist. Schließlich widmen sich einige Aufsätze der Frage nach der mathematischen Konstitution der Seele bei Platon und in der Alten Akademie. Dabei werden zentrale platonische Texte, in denen von der Seele und seelischen Phänomenen die Rede ist, wie der
Phaidon, der
Theaitetos, der
Timaios und der
Philebos, aber auch etwa der
Sophistes, auf frische Weise durchforstet. Insgesamt zeigen sich einige übergeordnete Tendenzen, zum Beispiel, dass für Platon die Frage nach der Rolle der Seele eng an die Frage der Rolle des Körpers geknüpft ist, und dass die Problemlage, mit der sich später Aristoteles auseinandersetzt, stark von Platon geprägt ist, und zwar nicht nur was den Status der Seele betrifft, sondern auch bezüglich des Beitrags des Körpers zur Erklärung seelischer Phänomene. So entsteht insgesamt eine Grundlage, auf der größere Fragen nach Platons Psychologie als einer einheitlichen Theorie der Seele und ihrer Funktionen weiterverfolgt werden können. Es entsteht aber auch eine Grundlage, um den Einfluss Platons auf die spätere Psychologie genauer zu erforschen, nicht nur innerhalb der platonischen Philosophie, sondern auch darüber hinaus in der aristotelischen Tradition bis in die Neuzeit und Moderne.
Inhaltsübersicht:
Klaus Corcilius, Irmgard Männlein, Samuel Meister: Vorwort zur Reihe „Tübinger Platon-Tage" -
Klaus Corcilius, Irmgard Männlein, Samuel Meister: Vorwort zum Band -
Klaus Corcilius, Samuel Meister: Einleitung - 1.
Mary Louise Gill: Plato on Perception and Judgment: Theaetetus 184-186 - 2.
Béatrice Lienemann: Plato on the Role of Perception in the Acquisition of Knowledge - 3.
Georgia Mouroutsou: The Analysis of Pleasure: Philebus and Timaeus - 4.
Samuel Meister: Plato's Account of Desire in the Philebus - 5.
Fiona Leigh: Phantasia in Plato's Sophist: an unAristotelian Precursor to Aristotle - 6.
Andrea Falcon: Soul, Life, and Living Beings in Plato's Timaeus - 7.
Riccardo Chiaradonna: Soul and Essence in the Phaedo: Socrates' Final Proof and Aristotle's Categories - 8.
Peter Oxenknecht: On the Meaning of αἰτία and Bringing. Participation, Mereological Predication and Property Transmission in Plato's Phaedo 96A-105D - 9.
Jan Szaif: The Philebus on the Source of Good Governance in the Soul - 10.
Klaus Corcilius: Compensating for Fragmentation. Philosophical Methods in Plato's Later Dialogues in Light of the Timaeus - 11.
Thomas Johansen: Motion in a Mathematical Cosmos. Plato's Timaeus on the Principles of Change - 12.
Susanna Kinzig: Xenocrates and the Soul as a Self-Moving Number in the Ancient Testimonies - 13.
Christoph Poetsch: Zum Konzept der Seele in der Alten Akademie. Ein Vergleich