Gerichte fällen mehr Entscheidungen, als sich vom Einzelnen überblicken lassen. Wie lassen sich darin rechtliche Muster erkennen? Der Band versammelt quantitative Ansätze und lotet ihren Nutzen und ihre Grenzen für die Rechtswissenschaft aus.
Der vorliegende Sammelband vereint unterschiedliche Ansätze einer quantitativen Rechtswissenschaft mit genuin rechtswissenschaftlichen Erklärungs- und Begründungszusammenhängen. Der leitende Gedanke ist, dass sich große Bestände empirischer Daten fruchtbar machen lassen, wenn empirische Methode und rechtswissenschaftliches Erkenntnisinteresse wechselseitig aneinander ausgerichtet werden. Einen gemeinsamen Ausgangspunkt bildet dabei das Forschungsprojekt
Leibniz Linguistic Research into Constitutional Law samt dem dort entwickelten Korpus der Bundesverfassungsgerichtsrechtsprechung. Methodisch verbindet der Band Ansätze aus der Korpusforschung, Zitationsanalyse, mengenlogischen Vergleichsverfahren und Legal Argument Mining mit deren methodologischer und rechtstheoretischer Reflexion. Quantitative Ansätze können helfen, große Datenmengen, insbesondere stetig wachsende gerichtliche Entscheidungszahlen, für die Rechtswissenschaft erschließbar zu machen. Sie machen unterreflektierte Annahmen konventioneller Forschung überprüfbar und fordern zur Reflexion rechtswissenschaftlicher Gegenstandsbegriffe heraus. Die Beiträge des Bandes zeigen an exemplarischen Studien, unter welchen Bedingungen sich empirische Daten rechtswissenschaftlich fruchtbar operationalisieren lassen. Sie modellieren alternative Erklärungspfade gerichtlicher Entscheidungen, identifizieren argumentative Muster oder charakterisieren Selbstzitate von Gerichten. Zugleich zeigen sie, wie und wo quantitative Befunde juristisches Vorwissen und qualitative Interpretation voraussetzen und nicht für sich schon normative Schlussfolgerungen leisten. Der Band versammelt verschiedene Ansätze, Möglichkeiten und auch Grenzen, um rechtswissenschaftliche Untersuchungen durch quantitative Elemente erweitern zu können. Damit schafft er eine gemeinsame Grundlage für eine reflektierte Aufnahme quantitativer Methoden in den Rechtswissenschaften.
Inhaltsübersicht:
Kilian Lüders/Christoph Möllers/Bent Stohlmann: Quantitative Rechtswissenschaft. Eine Einleitung -
Johannes Kruse: Mit Large Language Models zu einer horizontalen Rechtswissenschaft -
Felix Ringe: Klassifizierung von Auslegungsmethoden in der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts: Legal Argument Mining mittels Large Language Models -
Max Milas: Der Einsatz der Qualitative Comparative Analysis zur Analyse von juristischen Entscheidungstexten -
Joy Steigler-Herms: Quantitative und qualitative Zitationsanalyse. Eine empirische Untersuchung am Beispiel von Selbstzitationen des Bundesverfassungsgerichts -
Bertram Lomfeld: Diskursive Normative Grammatik des Bundesverfassungsgerichts. Eine quantitative Analyse -
Kilian Lüders: Eine quantitative Empirie rechtlicher Argumente. Über Methoden und Erkenntnisinteressen in der Forschung zu Gerichtsentscheidungen -
Bent Stohlmann: Falsche Gegensätze, Richtige Bewegung. Eine mögliche empirische Rechtswissenschaft -
Christoph Möllers: Welcher Begriff von Recht und Rechtswissenschaft wird von empirischer quantitativer Rechtsforschung vorausgesetzt?